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Virologen:Unpassender Umgang mit Wissenschaftlern

Bei einer Stilkritik vielzitierter Corona-Experten hört der Spaß für manche SZ-Leser auf. Statt über Kleidung und Auftreten der Virologen zu schreiben, soll sich die Redaktion auf deren Worte konzentrieren, so der Tenor.

Zu "Posterboy der Stunde" und "Virologin fürs Herz" vom 21./22. März:

Mit Befremden habe ich die Kolumne über den Virologen Professor Drosten gelesen. Es ist verstörend, einen seriösen Wissenschaftler, der sachlich, uneigennützig und uneitel versucht, die Bevölkerung zu informieren, der dadurch ohnehin in einen Fokus gerät, der ihm Hass-Mails einbringt, als Posterboy mit sinnlichen Lippen etc. gehypt zu lesen. In dem auf diese Veröffentlichung folgenden Podcast auf diese Auswüchse angesprochen, merkt Drosten an, dass ihn diese Vorgänge verunsichern. Es wäre ein Drama, wenn es ihn veranlassen würde, Auftritte in Sendungen mit Aufklärungsauftrag zu stoppen. Das Gleiche gilt für Postergirl Professorin Brinkmann.

Dr. Anke Willenbrink, Bremen

Ist das wirklich nötig, einen so brillanten Wissenschaftler wie Herrn Drosten mit der Überschrift "Posterboy der Stunde" zu verkürzen? Herr Drosten hat mehrfach in Fernsehsendungen und auch zuletzt in seinem Podcast im NDR gewünscht, nicht verkürzt zu werden. Herr Drosten versucht uns mit all seinen Kräften zu beraten und den Politikern zur Seite zu stehen. Er hat durchaus Besseres zu tun, als sich über Artikel zu ärgern, die seine Person jenseits der Wissenschaft stilisieren.

Er sprach in einem Kurzinterview des NDR von einem bestehenden Interesse des Bürgers an Wissenschaft, welches in den Leitmedien mehr mit wissenschaftlichem Journalismus bedient werden sollte als mit politischem. Er hat sogar Vorschläge über mögliche Teil-Abonnements gemacht, die die Finanzsituation der Zeitungen entspannen könnten. Dieser Artikel bedient eher den Boulevard-Journalismus als den politischen, ganz zu schweigen von dem wissenschaftlichen.

Oliver Abraham, Köln

Wenn man männlich ist und nicht mehr ganz jung, hat man heutzutage das Recht, Kritik zu üben, weitgehend verwirkt. Da kann man nicht gewinnen. So ist der Zeitgeist, und im Allgemeinen versuche ich, mich daran auch zu halten. Was in dem Beitrag zu Herrn Professor Drosten in der Wochenendausgabe aber eine Grenze überschritten hat. Da wird der Virologe zum Posterboy gemacht und von Frau Werner einer Stilkritik unterzogen. Jacketts von der Stange, sinnliche Lippen, lausbübischer Haarschnitt, dahinschmelzende Doktorandinnenherzen ... kein peinliches Stereotyp wird ausgelassen. Mich interessiert das aber nicht, ich will das nicht wissen. Was soll das? Dass Drosten derzeit in der Corona-Tragödie eine bedeutende Rolle spielt, lasse ich mal außen vor, ich will nicht moralisieren, sondern bleibe in der passenden Rubrik: Ganz schlechter Stil!

Dr. Klaus Fuhrmann, Freiburg

Die Stilkritik von Julia Werner über den Virologen sollte wohl witzig sein, hat uns aber geärgert. Professor Drosten ist ein kompetenter Wissenschaftler, versucht uns allen im Zeitalter von Fake News unaufgeregt, sachlich und für jeden verständlich die Pandemie zu erklären. Und das zusätzlich zu seiner aktuellen Forschungstätigkeit und jeden Tag aufs Neue! Das verdient die größte Anerkennung. Ihn als "Posterboy der Stunde" zu bezeichnen und sein Aussehen und seine Kleidung zu kommentieren, erinnert unangenehm an die "Metoo"-Debatte.

Stefanie, Dorothea und Hans W. Schmitt, Kassel

© SZ vom 02.04.2020
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