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Verschwörungstheorien:Lernen und einander zuhören

SZ-Autoren haben sich mit ihrem Faktencheck zum Coronavirus auf ein ziemlich hohes Ross mit beträchtlicher Fallhöhe begeben. SZ-Leser warnen davor, sich schon jetzt auf ein Richtig oder Falsch festzulegen.

Demonstration gegen Corona-Auflagen

Mutige Demokraten oder Extremisten? Viele Menschen, wie hier bei einer Demo auf dem Cannstatter Wasen, wollen sich mit den staatlich verordneten Maßnahmen wegen des Coronavirus nicht abfinden.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Zu "Faktencheck: Krude Ideen, gefährliche Gespinste" vom 20./21. Mai, "Wut, Kritik und Bergkristalle" vom 18. Mai sowie zu "Die Corona des Unsinns" vom 5. Mai:

Offene Diskussion nötig

Ich empfinde den Faktencheck-Artikel als sehr unglücklich. Nicht, weil die meisten dort gemachten Aussagen falsch wären, aber viele stehen unter dem Vorbehalt der Nachprüfung, wie die Autoren ja selbst in einigen Kapiteln auch schreiben.

Ich möchte als Beispiele hier die Aussage zum Vergleich von Covid-19 mit der Grippe zitieren. Es mag sicher richtig sein, dass die Sterblichkeit bei schweren Verläufen von Covid-19 höher ist als bei Grippe. Um jedoch die Gefährlichkeit einer Krankheit zu vergleichen, wird doch eher die Infektionstodesrate (IFR) herangezogen. Hier ist für die schwere Grippesaison 2017/18 aus den Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) eine IFR von 0,5 Prozent errechenbar. Nimmt man für Covid-19 eine Dunkelziffer der nicht registrierten Infektionen von eins zu zehn an, so errechnet sich auf Basis der heutigen Zahlen der bestätigten Infizierten für Deutschland eine Zahl von bisher mit Covid-19 Infizierten von etwa 1 800 000, denen 8219 Todesfälle gegenüberstehen. Die Infektionstodesrate läge damit bei 0,46 Prozent. Wobei ich hier die Dunkelziffer annehme, die in Studien wie der Corvid-19-Antikörperstudie, die gerade in Spanien abgeschlossen worden ist, bestätigt wurde.

Ähnliche Überlegungen kann man bei vielen der Kapitel machen. Wenn - wie von den Autoren nicht bestritten - die Ansteckungsrate schon vor dem Lockdown zurückgegangen ist, so ist es doch richtig, auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kosten eines eventuell nicht notwendigen Lockdowns zu hinterfragen, was hier unterbleibt. Wenn ich einen 84-jährigen Mann fast schon weinend im Fernsehen sehe, der schon seit acht Wochen täglich versucht, seine Frau im Altenheim zu besuchen, und der immer wieder abgewiesen wird, dann sind für mich einige Dinge im Argen und grundlegende Werte unserer Gesellschaft infrage gestellt.

Insgesamt ist meine Befürchtung, dass eine doch recht angreifbare Betrachtung, wie sie hier von der SZ präsentiert wurde, nicht der Klärung dient, sondern eher die Verschwörungstheoretiker in ihrer Meinung bestätigt, dass die Presse nicht mehr unabhängig sei, sondern nur das schreibe, was die Politik vorgibt - insbesondere da sich die SZ hier als Quelle hinstellt, die sich eine Entscheidung zutraut, in der andere Stimmen als falsch bezeichnet werden. Viele Fakten im Zusammenhang mit Covid-19 sind noch unklar, und ich empfinde es nicht als Schwäche, dies auch zuzugeben. Es wäre an der hohen Zeit, eine offene und kontroverse Diskussion zu beginnen, wie wir weiter mit Corona umgehen wollen.

Gerd Schnaars, München

Standpunkte prüfen

Danke für den Artikel "Wut, Kritik und Bergkristalle", der auch den Menschen eine Stimme gibt, die aus nachvollziehbaren Gründen ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen, um die Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen anzumahnen und sich um Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft sorgen. Statt diese Bürger pauschal als Spinner und Unwissende zu verurteilen und sie in eine Ecke mit Covid-19-Leugnern und Extremisten zu stellen, sollten wir froh sein, dass es unterschiedliche Positionen gibt und Menschen den Mut haben, für die Einhaltung von Freiheitsrechten und für eine offene Debattenkultur auf die Straße zu gehen.

Wir wissen noch wenig darüber, warum bei manchen Menschen Sars-CoV-2 schwere Erkrankungen hervorruft und andere Personen nur milde oder keine Symptome zeigen. Wir befinden uns in einem Lernprozess und täten gut daran, miteinander im Gespräch zu bleiben, den eigenen Standpunkt zu überdenken und unter Berücksichtigung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und Studien gegebenenfalls auch zu revidieren.

So zeigte sich kürzlich der staatliche Epidemiologe der schwedischen Gesundheitsbehörde, Anders Tegnell, durchaus selbstkritisch. Man habe in schwedischen Alten- und Pflegeheimen offensichtlich nicht ausreichend Schutzmaßnahmen getroffen. Dieses Problem teile Schweden mit vielen europäischen Ländern. Dies nennt man Erkenntnisgewinn und wird, wenn man nun die richtigen Schlüsse daraus zieht, in der Bewältigung kommender Pandemien helfen und Risikogruppen besser schützen. Die Fähigkeit zu lernen und sich kritischen Fragen zu öffnen, sind Kennzeichen einer liberalen, freiheitlichen Denkweise.

Das starrsinnige Festhalten an eigenen Überzeugungen und das Herabsetzen anderer Sichtweisen führen hingegen zu uniformem Denken. Letzteres ist fatal und hilft uns in der Bewältigung kommender Aufgaben nicht.

Stefanie Haß, Hannover

Beurteilung mit großer Fallhöhe

Es ist gewiss verdienstvoll von den Verfassern, wenn sie im "Faktencheck" sogenannte Corona-Mythen im Zusammenhang mit der Pandemie richtigstellen. Sie setzen sich damit aber gleichzeitig auf ein hohes Ross mit beträchtlicher Fallhöhe, von dem sie nur dann sicher wieder herunterkommen, wenn sie im Fall des Falles auch eigene Fehleinschätzungen öffentlich in der Zeitung korrigieren. Von diesen könnte es in nächster Zeit, rückblickend betrachtet, noch eine ganze Menge geben.

In Aldous Huxleys Roman "Schöne neue Welt" werden diejenigen, die von den Kontrolleuren zu häufig einen - etwas frei interpretiert - "Falsch"-Stempel verpasst bekommen, nach Island ins Exil geschickt. Vielleicht sollte es diesmal Schweden sein.

Michael Klinkhammer, Lennestadt

Es gibt kein Richtig und Falsch

Wie können Sie so tun, als wüssten Sie die richtigen Antworten? Behauptungen rigoros als "falsch" einzustufen, schießt so weit über das eigentliche Ziel - das ich den Autoren des Faktenschecks im positiven Sinne einfach mal unterstelle - hinaus, differenziert einen Beitrag zur möglichst sachlichen Analyse der Corona-Pandemie zu liefern. Selbst die Antworten sind in vielen Teilen eher relativierend, verweisen auf zukünftige Entwicklungen, auf derzeitige Unsicherheiten in der Analysemöglichkeit und in der Wissenschaft. Da ist ihre Gegenbehauptung "falsch" genauso gut oder schlecht wie die ursprüngliche These.

Warum sind viele Autoren bloß im Moment so unbalanciert und empfindlich, so schwarz oder weiß? Warum sind viele so absolut in den Aussagen? Warum wollen einige so polarisieren? Dass sie das tun, ist meines Erachtens falsch. Dabei sind die Ausführungen zu den Thesen ja ansonsten interessant. "Richtig" oder "falsch" sind derzeit keine sinnvollen, zielführenden Klassifizierungen.

Harald Rapp, Flensburg

Was in der Debatte schlecht läuft

Der Artikel "Die Corona des Unsinns" spiegelt deutlich wider, was in Bezug auf Meinungsäußerung und sachlicher Information im Moment in Deutschland läuft: Meinungen, die abweichen, werden oft nicht zugelassen oder lächerlich gemacht. Das passiert auch mit Stellungnahmen von renommierten Ärzten und Wissenschaftlern. Natürlich auch von Seiten der Politiker. Dabei hätten sie die Pflicht, mehr Expertisen von außerhalb des Beraterkreises zur Kenntnis zu nehmen. Der Autor tituliert die abweichenden Meinungen zweimal als Unsinn, sogar als blühenden Unsinn. Worauf begründet er solche polemische Herabwürdigung Andersdenkender? Leider zieht sich dieser Umgang mit Meinungsvielfalt im Augenblick durch alle Medien und durch die Politikerriege. Das macht Angst. Kein Wunder, dass da Assoziationen mit dunklen Zeiten unserer Vergangenheit entstehen. Kein Wunder, dass sich Menschen zusammenschließen, um all dem ein Gegengewicht zu geben und ihre Stimme zu erheben. Es gibt Bürger, die nicht einfach alles fraglos hinnehmen. Und es sind solche Artikel, die die Gesellschaft spalten!

Martha Kellner, Gröbenzell

© SZ vom 03.06.2020

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