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Vatikan:Der Papst räumt auf

Kardinal Gerhard Ludwig Müller ist nicht mehr Präfekt der katholischen Glaubenskongregation im Vatikan. Dass sich Papst Franziskus eines Widersachers entledigt hat, finden viele Leser gut, manche aber auch nicht.

Ist nicht länger Präfekt der katholischen Glaubenskongregation: Kardinal Gerhard Ludwig Müller.

(Foto: dpa)

"Papst entlässt Kardinal Müller" und "Machtkampf der Glaubensbrüder" vom 3. Juli:

Durchaus progressiv

Es wäre eine Überraschung gewesen, wenn die SZ nicht in den Chor der Kritiker des vom Papst entlassenen Kardinals Gerhard Ludwig Müller eingestimmt hätte. Der frühere Bischof von Regensburg mag Defizite im Bereich Kommunikation und Empathie haben. Aber ihn pauschal als hoffnungslosen Konservativen zu brandmarken, geht ziemlich an der Sache vorbei. Wissen seine Kritiker, dass er ein Schüler des theologisch gewiss unverdächtigen Kardinals Karl Lehmann ist und er sich bei diesem habilitiert hat? Weiß man, dass Müller ein exzellenter Kenner Lateinamerikas und der dortigen Situation der katholischen Kirche ist und sogar durchaus Verständnis für die dort entstandene Theologie der Befreiung gezeigt hat? Kennen seine Kritiker seine grundlegende, 800-seitige "Katholische Dogmatik"?

Müller ist ein kompromissloser Verteidiger des II. Vatikanischen Konzils und dessen fortschrittlicher Theologie. Manchem wirklich Konservativen ging die Progressivität Müllers gar zu weit. In einem muss man dem Leitartikler Stefan Ulrich zustimmen: "Leichter wird die Aufgabe des Papstes nun nicht." Möglicherweise hülfe es ihm, wenn er seinen Beraterkreis über den ihn offensichtlich umgebenden Jesuiten-Kreis hinaus erweitern würde.

Helmut Steinel, München

Hut ab vor Franziskus

Papst Franziskus hat die Regeln zur Ahndung von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche verschärft. Bischöfe und Ordensleute, die Fälle von Pädophilie nicht verfolgen, sondern verschleiern, können nach einer päpstlichen Anordnung vom 4. Juni 2016 ihres Amtes enthoben werden. Es gibt keine Schonung mehr für diejenigen, die Täter schützen beziehungsweise geschützt haben. Jetzt hat es Kardinal Gerhard Ludwig Müller erwischt. Im September 2007 kam es zu öffentlichen Vorwürfen gegen den damaligen Regensburger Bischof Müller, nachdem die Passauer Neue Presse Folgendes aufgedeckt hatte: Der 1999 wegen sexuellen Missbrauchs eines Ministranten in Viechtach verurteilte Priester Peter K. war von Bischof Müller in die Gemeinden Riekofen und Schönach versetzt worden, ohne die Gemeinde dort über die Vorkommnisse zu informieren. Er war als Pfarramtsadministrator tätig und ist in nicht weniger als 22 (in Worten: zweiundzwanzig!) Fällen rückfällig geworden! Müller hat sich am Leid der Opfer mitschuldig gemacht und die Glaubwürdigkeit der Kirche erschüttert.

Und dieser Kardinal Müller war in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation verantwortlich dafür, dass sexuelle Missbräuche an Kindern weltweit aufgedeckt und bestraft werden sollten. Ich habe ihm nach Rom geschrieben, dass er die Verantwortung für obige Fälle in Regensburg übernehmen und von seinem Amt zurücktreten sollte, er sei kein Seelsorger. Er hat mir nicht geantwortet.

Hut ab vor Papst Franziskus, der nun Kardinal Müller seines Amtes enthoben hat.

Johann Nußbaum, Rimsting

Verspielte Glaubwürdigkeit

In den vergangenen Tagen sind durch Papst Franziskus zwei hochrangige Kurienkardinäle aus den Angeln gehoben worden. Offenbar will er den Kampf gegen den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche energisch betreiben. Deshalb trennte er sich vom Präfekten der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller und von Georg Pell, der für die Finanzen zuständig war. Müller war dafür verantwortlich, die Missbrauchsfälle in der Kirche aufzuklären und zu bestrafen. Sein Ignorieren oder sogar Schützen des priesterlichen Fehlverhaltens wollte Franziskus nicht mehr länger hinnehmen. Die Dissonanz gipfelte wohl in Müllers Satz: "Die Ehe ist und bleibt unauflöslich, egal, was der Papst sagt." Kardinal Georg Pell muss sich selbst den Behörden Australiens wegen Kindesverführung stellen. Der Prozessausgang ist noch offen.

Auch die UNO war nicht untätig: Inzwischen brachte sie beim Vatikan ihre Beschwerde bezüglich Menschenrechtsverletzung vor. Auch das ist keine leichte Aufgabe für Papst Franziskus. Es sei in Erinnerung gebracht: Papst Benedikt XVI. sagte auf seinem Flug 2008 in die USA, als er von den Skandalen seiner Glaubensbrüder erfuhr, "Shame on us". Will die katholische Kirche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, dann nur auf diesem Wege mit Franziskus.

Wolfgang Fischer, Offenbach

Begrenzung auf fünf Jahre

Wie immer man zu Kardinal Müller stehen mag, scheint mir aus der Distanz betrachtet mit der päpstlichen Entscheidung etwas Wichtiges verbunden zu sein: Müller hat sich mit seinen diversen Aktionen in der Vergangenheit die Nichtverlängerung seiner Berufung sicher redlich verdient. Davon abgesehen, ergibt es für die Kirche aber einen großen Sinn, so wichtige Ämter nur auf eine bestimmte Zeit von zum Beispiel fünf Jahren zu begrenzen. Damit ist vorgebeugt, dass sich solche Phasen wie mit Kardinal Joseph Ratzinger (dem späteren Papst Benedikt XVI.) und Papst Johannes Paul II. wiederholen, wo immer mehr auf die Bremse getreten und rückwärtsgewandt operiert wurde. Jahrzehntelang blockierenden Problembesetzungen und den damit verbundenen Folgen wird dadurch ein Riegel vorgeschoben.

So erhält die Kirche die Chance, dass man die Zeichen der Zeit jedenfalls nicht für längere Zeit ausblendet. Ob das dann mit den Folgeberufungen gewährleistet wird und wie weitere Päpste in diesem Punkt handeln werden, wird man sehen müssen. Der Ansatz dahinter ist jedenfalls positiv und spricht für Franziskus' Weitblick. Es ist kaum vorstellbar, so wie man ihn sonst agieren sieht, dass er nur eine Übellaunigkeit gegenüber Müller auslebt.

Paul-G. Ulbrich, Eichenau

© SZ vom 13.07.2017

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