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USA:Agiert Trump noch nach dem Willen der Bürger?

Wer könnte den US-Päsidenten aufhalten, fragen sich ernsthaft manche Schreiber vor der Wahl. Doch Vorsicht, der Mann ist gewählt und repräsentiert sein Volk, schreibt einer. Die SZ sollte mehr über die Gegner schreiben

Zu "Angst um Amerika" vom 12. Juni, "Wer nicht hören will" vom 6./7. Juni, "Aus dem Weg" vom 4. Juni sowie zu "Als Präsident nicht geeignet" "vom 3. Juni:

Egoistisch, empathielos, erratisch, ein Narziss, als Präsident nicht geeignet: Das sind ständige Kommentare in der SZ und der internationalen Presse über Donald Trump. Was man leider kaum findet, sind Analysen und Erklärungen, wie es sein kann, dass ein in der öffentlichen Wahrnehmung so unfähiger, verlogener Präsident trotzdem immer noch Chancen hat, wieder gewählt zu werden. Es kann ja nicht sein, dass die Amerikaner, die 2008 und 2012 den charismatischen Barack Obama zum Präsidenten gewählt haben, in ihrer Mehrheit wirklich so dumm oder so faschistoid sind, dass ihre Dummheit eine Erklärung für die mögliche Wiederwahl von Donald Trump wäre. Und wieso haben es die Demokraten in vier Jahren nicht geschafft, einen überzeugenden Gegenkandidaten aufzubauen? Wo sind Antworten der politischen Kommentatoren, der soziologisch geschulten Analytiker und der Korrespondenten, die sich der täglichen Beobachtung der US-Gesellschaft widmen, auf solche Fragen? Die "Spaltung" der amerikanischen Gesellschaft festzustellen, ist allenfalls eine Beschreibung, keine Erklärung.

Prof. Dr. Ulrich Trottenberg, Köln

Zur Erfüllung von Steve Bannons Traum von einer Bürgerkriegskatharsis fehlt jetzt nur noch der Eintritt der hochgerüsteten rechtsextremen "Bürgerwehren" in das Geschehen, die, wie sie gezeigt haben, weniger zimperlich mit der "Antifa" umgehen würden als die National Guard. Allerdings ist Bannons Vision nicht "radikal" - schon gar nicht vergleichbar mit der gemeinwohlorientierten Radikalität von Sanders und Warren -, sondern apokalyptisch-sozialdarwinistisch. Die Pandemie - gottgewollte Zerstörung der "Unfitten" durch natürliche Selektion - passt perfekt in sein Narrativ, das eine zentrale Stellung in der US-Kulturindustrie einnimmt: Die aktuellen Ereignisse wurden zuvor tausendfach von gewaltästhetischen Erzählungen imaginiert. Das demokratische, antirassistische Amerika braucht dringend, wie auch Europa, neben Umverteilung, fairem Bildungssystem und ökologischem Wandel auch starke Gegenerzählungen. Es fehlt an konkreten, leidenschaftlichen Utopien.

Unsere Dichter, Sänger, Künstler knabbern - auch coronabedingt - am Hungertuch. Sie könnten uns daran hindern, uns weiter mit masochistischer Lust im Weltenbrand einzurichten! Also her mit einer Finanzierungs-"Bazooka" für Kreativ-Schaffende! Das wäre Bannons Albtraum!

Prof. Dr. Gesa Mackenthun, Bad Doberan

Wo ist das Korrektiv, wo sind die Kontrollinstanzen, die diesen Egomanen einbremsen, bevor es zu spät ist? Wann begreifen die verantwortlichen Instanzen der sogenannten ältesten Demokratie der Welt, dass die Machtfülle des Präsidenten der eines Diktators sehr nahe kommt. Kein Präsident der USA vor Trump hat diese überbordende Macht so menschenverachtend rücksichtslos und ohne jegliche Empathie für Andersdenkende ausgeübt. Hier ist eine entsprechende Verfassungsänderung überfällig.

Heinrich Schwab, Stockdorf

Die deutsche Medienlandschaft führt uns ununterbrochen Trumps "Unfähigkeit, Präsident zu sein" vor Augen. Die ausschließliche Fokussierung auf ihn birgt aber die Gefahr, zu vergessen, dass er demokratisch, das heißt: von der - nach amerikanischem Wahlrecht - Mehrheit des Volkes gewählt wurde. Trump macht, was Millionen Amerikaner denken und wollen, wenigstens aber zulassen. Sie bestimmen die Politik der USA, und sie wird auch ein Nachfolger, selbst von den Demokraten, nicht ignorieren können. Deshalb ist es meines Erachtens wichtiger, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Klaus Werner, Erlangen

© SZ vom 08.07.2020

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