Ungleiche Corona-Regeln:Bayern ist eher ein Wirtshaus- denn ein Kulturstaat

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Debatte zur Besserstellung der Gastronomie im Vergleich zu Theatern.

Ungleiche Corona-Regeln: Freund der Kunst – oder doch eher der Gastronomie, wenn’s um Corona-Regeln geht? Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im Münchner Cuvilliéstheater.

Freund der Kunst – oder doch eher der Gastronomie, wenn’s um Corona-Regeln geht? Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im Münchner Cuvilliéstheater.

(Foto: Stephan Rumpf)

Glosse "Von wegen Kulturstaat" vom 15./16. Januar, "Ex-Denkmalpfleger muss 730 000 Euro zahlen" und "1000er-Marke gilt vorerst nicht mehr" vom 14. Januar, "Von 25 auf 50 Prozent" vom 13. Januar, "Das große Durchwursteln" und "Ohne Test ins Wirtshaus" vom 12. Januar sowie "Wer sich nicht wehrt, wird niedergebügelt" vom 11. Januar:

Zweierlei Maß

Es ist unfassbar, wie hier mit zweierlei Maß gemessen wird: Auf der einen Seite bis zum letzten Platz besetzte, lärmerfüllte Gaststätten, in denen die Menschen sich maskenlos unter maximaler Aerosol-Produktion schreiend unterhalten. Auf der anderen Seite stille, konzentrierte Zuhörer, alle mit FFP2-Maske, in einem Konzert- oder Theatersaal, der nur zu 25 Prozent besetzt werden darf, denn die bayerische Staatsregierung hat beschlossen, die Hochkultur zu kujonieren. Bei der mächtigen Gastronomie-Lobby traut man sich das nicht, aber bei den sowieso überflüssigen Künsten geht's auch ohne jedwede vernünftige Begründung. Was für ein schäbiges Armutszeugnis der bayerischen Staatsregierung!

Dietrich Loos, München

Wo bleibt das "Team Vorsicht"?

Die Kritik aus der Opposition ist verständlich. Viele im Freistaat würden sich besser fühlen, würde Söder am bewährten Kurs mit seinem "Team Vorsicht" unabhängig von den Stimmungsschwankungen im Volk festhalten, nicht vorschnell aufgeben. Aber während die Ampelparteien in München einen Zickzackkurs anprangern, fahren sie in Berlin gar keinen Kurs. Was hält man von einem Kapitän, der in schwerer See den Kurs nicht zusammen mit seinem kompetenten und informierten Offiziersteam bestimmt, sondern dies einer "Gewissensentscheidung" der Matrosen überlassen muss? Armer Kanzler Scholz!

Peter Maicher, Zorneding

Wirte haben die bessere Lobby

Beim Dehoga-Gastgebertag am 26. Juli 2021 in Bamberg verriet der damalige parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Bareiß (CDU), Deutschland habe mehr Corona-Hilfen bereitgestellt als die 26 anderen EU-Länder zusammen; über die Hälfte davon sei in die Gastronomie geflossen. Söder sagte dort, dass der um zwölf Prozent ermäßigte Mehrwertsteuersatz bis Ende 2022 gelte. Es sind also Krokodilstränen, die die Wirte gern vergießen, obwohl sie bis 90 Prozent der Fixkosten ersetzt bekommen, wenn sie mehr als 30 Prozent Umsatzeinbruch gegenüber 2019 haben. Wegen der hohen Mehrwertsteuerabsenkung bedeutet ein Umsatzeinbruch von 30 Prozent einen deutlich geringeren Gewinneinbruch, zumal manche Wirte sogar Preise angehoben haben; derartige Gewinnschwankungen sind branchenüblich. Ich gratuliere den Wirtsleuten, die eine bessere Lobby als die Theaterleute haben, bei denen die Kunden nur auf Abstand und mit Maske sitzen dürfen und zusätzlich getestet oder geboostert sein müssen. Da die Gastro-Branche die Corona-Ausbreitung mehr fördert, wird die 1000er-Hotspotgrenze mit ihrer Wirtshausschließung eher überschritten (wobei die 1000er-Grenze gegenwärtig ohnehin ausgesetzt wurde; d. Red.). Um den Wirten entgegen zu kommen, muss die Hotspotgrenze erhöht werden.

Wolfgang Maucksch, Herrieden

Mit Meuterei ist es nicht getan

Katja Auer baut ihren Kommentar "Von wegen Kulturstaat" sehr dynamisch auf. Crescendoartig stellt sie Höhepunkte der Kultur und deren Verfechter bis zum heutigen Tag vor, Künstler in ihren Epochen, Mäzene und deren Nachfolger in der Politik der jüngeren Zeit. Mit diesen Namen verbinden sich Gesichter und kulturpolitische Taten. Das Crescendo bis zum Fortissimo bricht dann jäh ab. Die Autorin nimmt sich den jetzigen Kunstminister vor und attestiert ihm quasi Untätigkeit, sie stellt Bernd Sibler als Leichtgewicht hin und verlangt von ihm ein Aufbegehren, ja, sie spricht von Meuterei für die Kultur.

Herr Sibler ist ein sensibler Kunstminister, der sich in der Pandemie den Problemen, die sich auf dem weiten Feld der Kultur ergeben, stellt. Das entnehme ich den Beiträgen der SZ. Für mich kommt Herr Sibler dem Kulturstaatsgedanken voll nach. Mit Umsicht werden Fördermittel auf allen kulturellen Ebenen verteilt, selbständige Künstlerinnen und Künstler gefördert und die Kunst als essenziell anerkannt und hochgehalten, was besonders für die Zukunft von Bedeutung ist. Herr Sibler hat das richtige Augenmaß für die Leuchttürme der Kultur in Bayern und vergisst in keiner Weise das flache Land, ich vermeide den dummen und falschen Begriff Provinz. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich Staatsminister Sibler persönlich um Belange der Kultur auf dem Land annimmt und bei Veranstaltungen präsent ist, und das sehr häufig. Zudem schiebt er auch beim Bund kräftig an, dass Veranstalter zu Fördermitteln kommen.

Der Kulturfonds des Freistaats Bayern und die neuerlichen Akzente des Kunstministeriums, mit verschiedenen künstlerischen Ensembles in die Fläche zu gehen, ermuntern Veranstalter. Es bedarf keiner Kulturmeuterei. Zudem weiß Herr Sibler, dass es auf der Welt nichts gibt, was man nicht besser machen könnte.

Dr. Christoph Lickleder, Kelheim

Erst das Fressen, dann die Kunst

Es ist begrüßenswert, dass nicht jede der sporadisch wechselnden Regulierungen sofort umgesetzt wird, sondern eine Abwägung bezogen auf Sinnhaftigkeit erfolgt, wie das Festhalten an 2 G im Gaststättengewerbe. Angela Inselkammer, Präsidentin des bayerischen Hotel-und Gaststättenverbandes, hat scheinbar mehr Einfluss als unser Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler, dessen Einsatz für die Kunst seit Beginn der Pandemie sich in Grenzen hielt. Erwähnenswert ist der Umstand, dass Siblers Zuständigkeitsbereich auch die Wissenschaft umfasst. Dann dürfte es ja für ihn kein Problem darstellen, wissenschaftlich den Unterschied zu erklären und zu begründen zwischen einem vollbesetzten Lokal, in dem gegessen, getrunken und sich lautstark unterhalten wird, und einem Konzertsaal oder einer Kleinkunstbühne mit minimaler Besucherzahl, die alle Maske tragen und maximal am Ende klatschen.

Für die staatlichen und städtischen Kultureinrichtungen oder Orchestermusiker und Musikerinnen entsteht keine existenzielle Notlage, egal welche Maßnahme gerade angesagt ist. Ganz anders sieht es bei den Freischaffenden und kleinen Theatern und Bühnen aus. Das gesamte alltägliche Kulturleben einer Bevölkerung liegt darnieder, und es ist zu befürchten, dass es sich so schnell nicht erholen wird, selbst wenn Herr Sibler die Auslastung von 25 Prozent auf 50 Prozent erhöhen sollte. Das ändert nichts an den existenziellen Auftrittseinschränkungen der freien Szene, die das kulturelle Leben in ihrer gesamten Breite für uns alle ja erst lebenswert macht. "Erst kommt das Fressen und dann die Kunst"?

Bleibt die Hoffnung, dass Herr Sibler im Hofbräuhaus auf Alois Hingerl, Dienstmann mit der Nummer 172, trifft, der sich hoffentlich mit 2 G ausweisen kann und somit die göttlichen Ratschläge doch noch die Regierung erreichen.

Dr. Helmut Volk, München

Kultur-Arbeitsplätze bewahren

Ihr Autor schrieb, dass es nicht fair sei, wie Gastronomie und Theater bewertet werden. Soweit stimme ich zu. Sehr sogar. Was mir jedoch fehlt, vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung, ist der Umstand, dass zur Kultur Arbeitsplätze gehören, und nicht nur Freizeitangebot.

Man weiß noch nicht genug über die Omikron-Variante, heißt es. Auch richtig. Jedoch pauschal darüber zu urteilen, dass es schlimmer werden würde, Theater weiter auszulasten, ohne Belege, das finde ich falsch und gefährlich. Es wurden genug glaubhafte Studien veröffentlicht von führenden Orchestern, die das prüfen, und alle kamen zu dem Schluss, dass eine Ansteckung im Konzertsaal gleich Null geht. Dazu sind Tickets personalisiert, die Klimaanlagen aufgerüstet und es besteht die Regel 2-G-plus.

Klar ist vieles unfair, aber mich stört die Berichterstattung über Kultur generell ein wenig im Moment. Es wird einfach gesagt, es ist besser, wenn man zu Hause bleibt. Essen gehen zur selben Zeit geht. Ist zwar unfair, aber so ist es eben. Ist ja nur Kunst.

Es sind, davon abgesehen, vor allem Arbeitsplätze, und das kommt mir ein wenig zu kurz.

Simeon Overbeck, Dresden

Bestrafter Kulturretter

Frau Auer hätte in ihrer zutreffenden Schilderung des Zustandes unseres Kulturstaates Bayern ohne weiteres auch noch auf den Umgang mit Professor Egon J. Greipl hinweisen können. Der ehemalige Generalkonservator hat auf die chronisch-defizitäre Personalsituation im Landesamt für Denkmalpflege mit Werksverträgen reagiert, um die dringend nötige Digitalisierung der bayerischen Denkmalliste zu schaffen. Über dieses gelungene Werk dürfen sich aktuell und künftig Kulturwissenschaftler aller Fakultäten, Architekten, Studierende und interessierte Laien, nicht zuletzt auch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der staatlichen und kommunalen Denkmalpflege freuen. Die unter der Ägide Greipls erstellte digitale Denkmalliste ermöglicht und erleichtert allen die Arbeit, die gemäß Artikel 141 Absatz 2 im Freistaat das Verfassungsgut Denkmalschutz und Denkmalpflege mit Leben erfüllen wollen.

Professor Greipl wurde auf Betreiben der Landesamtes für Finanzen jetzt letztinstanzlich zu Schadenersatz von 730 000 Euro verurteilt, weil er erkannt hatte, dass das unverzichtbare Werk mit der üblichen Personalausstattung des Denkmalamtes nicht zu schaffen war. Die Verleihung des Bayerischen Verdienstordens wäre angesichts der Leistung Greipls angemessen gewesen. Stattdessen treibt man einen Kultur-Patrioten in den wirtschaftlichen Ruin.

Bernhard G. Suttner, Windberg

Söders Sinn für Machttaktik schont Stammtischbrüder

Erst konnten Söder die Maßnahmen gegen die vierte Welle nicht streng genug sein, um die neue Bundesregierung maximal unter Druck zu setzen. Kaum gibt es eine Verschärfung der Regeln mit 2-G-plus für Gaststätten, argumentiert Söder dagegen, weil er befürchtet, die bayerischen Stammtischbrüder gegen sich aufzubringen, wenn sie sich nun testen lassen müssen, bevor sie in die Wirtschaft dürfen. Wer noch immer nicht gemerkt hat, dass Söder in dieser Pandemie nicht nur planlos, sondern auch reichlich verantwortungslos agiert, der sollte wenigstens jetzt aufwachen. Eine Testung vor dem Gaststättenbesuch ist absolut sinnvoll im Gegensatz zu vielen anderen Söder-Regeln. Söder ist kein verantwortungsvoller Politiker, er ist ein egozentrischer Machttaktiker, dem es darum geht, für sich ein Maximum an Aufmerksamkeit zu erringen und andere dabei möglichst blöd aussehen zu lassen. Das hat Laschet zu spüren bekommen, und das wird Scholz zu spüren bekommen. Wie es zum Beispiel den Menschen mit den ausgrenzenden Regelungen von 2 G im Einzelhandel geht, die von Söder betrieben wurden, wie Leute darunter leiden, nicht mehr in Läden zu dürfen, auch wenn sie sich testen lassen und Masken tragen, interessiert ihn nicht. Eine solche Politik ist unmenschlich und unwürdig, weil sie ohne tatsächlichen Nutzen für die Pandemiebekämpfung eine bestimmte Gruppe von Menschen diskriminiert.

Robert Jungwirth, München

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