Umweltbewusst leben:Sündenböcke und Augenwischerei

Ein Plädoyer für Waldbauern und Landwirte - und gegen ver­logene Ausgleichs­pflanz­ungen für den Münchner Flughafen.

Sägewerk

Die Aufforstungs-Aktion der Flughafen München GmbH hält eine Waldbäuerin und Leserin für Augenwischerei.

(Foto: Philipp von Ditfurth/dpa)

Glosse "Rettet die Bienen-Retter!" vom 15. Oktober und "Zum Kerosin ein Klimawald" vom 14. Oktober:

Ein schöner Nachmittag also für einen Biergartenbesuch, die Bedienung hat das leckere Essen gebracht. Der Besuch von ungebetenen Wespen lässt einen über das Volksbegehren "Rettet die Bienen!" sinnieren. Am Nachbartisch fünf Bauern. Man kennt sie nicht, aber das sind Insektenkiller. Das sind unsere größten Feinde! Mit Verlaub: Wie beschränkt ist eigentlich dieses Denken? Man sitzt vor gut gefüllten Tellern mit Zwetschgendatschi, Radlermaß, Steckerlfisch und Spareribs. Wer macht denn die Zutaten für die genannten Speisen? Für Mehl, Milch, Eier, Zucker und Zwetschgen für den Datschi? Den Fisch? Das Schwein, von dem die Spareribs stammen? Hopfen und Braugerste für das Bier, Zucker für die Limonade? In einer Qualität, die man weltweit suchen muss? Lebensmittel, die man bedenkenlos essen kann, alles untersucht und überprüft? Zu Preisen, die auch den geplanten Urlaub in Kroatien oder auf den Malediven nicht gefährden?

Die Produzenten all dessen sitzen am Nebentisch, erhalten für ihre Erzeugnisse Spottpreise und sorgen seit Jahrzehnten dafür, dass in Deutschland keiner mehr hungern muss; die Lebenserwartung ist auf über 80 Jahre angestiegen, und was Säuglingssterblichkeit ist, weiß hier keiner mehr. Sicher hat die Medizin mitgeholfen, aber ohne Nahrung sind auch hervorragende Ärzte machtlos. Und genau die Leute, die dafür gesorgt haben, dass es uns heute so gut geht, sollen Feinde sein, konventionelle Landwirte, die immer noch 90 Prozent der Nahrungsmittel in Deutschland liefern? Man kann sich viel einreden. Genauso, wie man sich einreden kann, dass Wald, der seit Jahrzehnten hervorragend bewirtschaftet wird, Bau-, Möbel-, Furnier- und Brennholz liefert, der immer schon aus Kohlendioxid, Wasser, Sonnenlicht und Wärme neues Holz erzeugt hat, dass also dieser Wald jetzt ganz speziell für den Flughafen München tonnenweise Kohlendioxid speichert, bloß weil statt Fichten (wandeln die kein CO₂ um?) nun Tannen, Douglasien, Lärchen und Eichen gepflanzt werden. Alles wunderbare Bäume, die später auch mal sinnvoll zu verwenden sind, und die ein vorausschauender Waldbesitzer heutzutage halt so einpflanzt. Aber weil diese Bäume nun extra dafür zertifiziert worden sind, speziell für den Flughafen Kohlendioxid zu speichern, kann man ja dann guten Gewissens wieder in der Welt herumfliegen. Als mir meiner Verantwortung bewusste konventionell wirtschaftende Bäuerin und Waldbesitzerin brauche ich kein Flugzeug mehr. Nach dem Lesen der beiden oben genannten Zeitungsartikel bin ich einfach so in die Luft gegangen...

Barbara Schamberger-Oswald, Merching

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