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Türme:Hoch hinaus

Türme sind ein Zeichen der Macht und dominieren die Landschaft. Sie sind auch eine Kulturleistung - und begehrte Mietobjekte für Menschen, die im Urlaub einen Perspektivwechsel brauchen. Eine kleine Auswahl an großen Exemplaren.

Von Evelyn Pschak

"Die meisten Leute denken, das ist ein alter Turm, der hergerichtet wurde", sagt Rudolf Rechl. Dabei hat der gebürtige Chiemgauer den sechsgeschossigen Quader im oberbayerischen Städtchen Trostberg erst im Dezember 2015 eröffnet; das Gebäude mit sechs Ferienwohnungen war nach dreieinhalbjähriger Planungs- und Bauzeit errichtet worden. Eigentlich ist der 67-Jährige Wirtschaftsingenieur. Zu Architektur und Möbeldesign kam er als Autodidakt, für ihn ein Vorteil, denn "so komme ich auf andere Lösungen als der Mainstream".

Turm zu Schloss Schedling

Der Turm zu Schloss Schedling sieht mittelalterlich aus, ist es aber nicht.

(Foto: Stefan Gaar)

Beispielsweise also auf diesen mittelalterlich anmutenden 20 Meter hohen Turm mit quadratischem Grundriss von acht mal acht Metern. "Turm zu Schloss Schedling" nennt ihn Rechl - ist doch der trutzige Turm vom benachbarten Schloss aus dem 14. Jahrhundert kaum zehn Meter entfernt. In das Schloss, das der Architekt 2017 von der Stadt Trostberg erwarb, sollen übrigens auch bald Feriengäste einziehen. Auf Schloss samt Rosengarten sieht man dann auch aus großflächigen Turmfenstern wie schmalen Schießscharten. Und auf die Chiemgauer Alpen.

"Ich bin ein Vereinfacher", erklärt der Bauherr. Und so habe er versucht, mit simplen Mitteln mittelalterliches Flair zu schaffen. Dazu gehören die Böden aus gestampftem Sand, Kalk und Farbpigmenten, die umstandslos verputzten Fensterbänke oder der Anstrich mit Kalk, wenn denn irgendetwas überhaupt einen Anstrich benötigte. Holz zum Beispiel habe er überhaupt nicht gestrichen, sagt Rechl: "Das ist sowieso das Preisgünstigste und Schönste." Der innen wie außen verwendete Putz aus dem Sand einer benachbarten Kiesgrube wurde freihändig aufgetragen. "Nicht wie der Industrieputz, der plan ist und ohne Aussage", ereifert sich der Architekt, tragen Unregelmäßigkeiten für ihn doch zur Lebendigkeit eines Hauses bei. "Im Mittelalter war jedes Haus anders", erinnert Rechl. Auch bei den Treppenstufen des Turms vermeidet er Standardlösungen und arbeitet Findlinge, Flusssteine oder ausgemusterte Randsteine in sämtliche Trittflächen mit ein.

"Ich habe gute und leidensfähige Handwerker", sagt der Unternehmer schmunzelnd und fügt hinzu: "Meine Pläne sind experimentell und müssen verinnerlicht werden - das hat mit Arbeit zu tun." Und mit Sorgfalt bis ins Detail: Das verwinkelte, offen gehaltene Raumgefüge, das sich je nach Apartment teilweise über mehrere Wohnebenen bis unters historisch inspirierte Kreuzrippengewölbe zieht, wird durch schmiedeeiserne Geländer oder raumtrennendes Mobiliar unterteilt. An mittelalterliches Wohnen erinnern Schmiedebeschläge, offene Feuerstellen, mundgeblasenes Fensterglas. Fenster dichtet der Architekt mit Lederschlaufen, in die allerdings hochwertiger Schaumstoff gezogen wurde. Denn auch wenn es Rechls besonderes Anliegen ist, bayerische Baukultur und handwerkliche Fertigkeiten zu bewahren, bedeutet das nicht, neue technische Möglichkeiten und Anforderungen schlicht auszublenden. Hin und wieder wird es in diesem Zusammenspiel architektonischer Vereinbarkeiten recht kompliziert auf einer Baustelle: "Manchmal wäre ich lieber der Schmied, dann hätte ich nichts mit Genehmigungen zu tun", seufzt der Bayer: "Aber dann entsteht eben auch kein Bauwerk." www.schloss-schedling.de

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