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Trier:"I schmeiß mi weg"

Ach, Trier! Da hat man nun endlich ein Theater in der Provinz, das sich mit den Bühnen in Berlin messen kann. Und dann ist es den Trierern zu modern.

"Kontrollinstanz" vom 10. Juni über den Trierer Theaterstreit:

Wer von München ins Trierische berufen wird, würde gerne mehr als die SZ mitnehmen. Muffig könnte man Trier charakterisieren, wohl auch provinziell. So bot ich anfangs noch der sogenannten Tageszeitung, dem "Volksfreund", eine Kolumne an, die ungefähr "ein Bayer wundert sich" hätte heißen sollen, weil so viel so komisch und unfassbar war.

Seit 2015 weht aber eine weniger muffige und eine weniger provinzielle Luft in Trier. Nicht nur, dass sich Name und Ästhetik des in traumhafter (Theater-) Architektur des großartigen Gerhard Graubner untergebrachten sogenannten "Großen Hauses" von 1964 (das aber wohl auch niedergemetzelt werden soll) änderten - auch die Stücke waren plötzlich interessant: Mit diesem Programm konnte man selbst aus Berlin angereisten Freunden eine Abwechslung bieten; es hatte Charakter. Ein neuer Kopf, schlau, mit Ideen, die man sich selbst in kühnen Träumen nicht einmal erdenken mochte - er sorgte für eine neue Stimmung, in der man sich mit dem benachbarten Luxemburg hätte messen können, wo Geld bekanntlich keine Rolle spielt.

Dass das nun ein jähes Ende haben wird, daran werden kein Trierer und noch weniger die Zuagroasten wie der Leserbriefschreibende zweifeln. Und dass sich die Trierer über den "Fidelio" wunderten, weil er nicht schön brav eingetütet war, war leider auch vorherzusehen. Die Posse, die man dem Intendanten Karl M. Sibelius spielte, ist selbstverständlich dem Defizit geschuldet. Klar! Wer denkt, dass man mit einem "Stück" wie "Wovor hast du eigentlich Angst?" mit zwei Schauspielern, einem Auto, das durch Trier fährt und mit Zuschauern auf dem Rücksitz in Trier reüssieren könne, hat sich leider getäuscht.

Trier wird nun vermutlich wieder in den Dornröschenschlaf der Provinzialität entschlummern - schade! Oder um es im Idiom des Intendanten zu formulieren: "I schmeiß mi weg." Allerdings sagen dies die Österreicher meistens, wenn sie viel lachen. Zum Lachen ist hier aber niemandem zumute. In einer Stadt, in der es wegen der nicht einwandfrei verlaufenen Vorplanungen eines Theaterstückes Forderungen wie diese gibt: "Unfassbar! Theater abreißen und kostenlose Parkplätze errichten. Da hätte jeder was davon", muss und kann man wohl nichts anderes erwarten. Prof. Gottfried Kerscher, Trier

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