Süddeutsche Zeitung

Transparenz-Blog:Wie geht die SZ zur Wahl mit Parteien um?

Welche Maßstäbe gelten und warum ein Interview mit Armin Laschet nicht mehr vor dem Wahlsonntag zustande kommt.

Von Nico Fried

In Wahlkämpfen stehen nicht nur die Kandidaten unter besonderer Beobachtung, sondern auch die Medien. So werden sich manche Leserinnen und Leser dieser Tage wundern, warum ihnen in der Süddeutschen Zeitung zuletzt Interviews mit den Kanzlerkandidaten Annalena Baerbock und Olaf Scholz präsentiert wurden, aber keines mit Unionskandidat Armin Laschet. Dazu später mehr.

Zuerst das Grundsätzliche: Die SZ bemüht sich, ausgewogen und fair über die Parteien, deren Bewerber und natürlich über die wichtigsten Themen zu schreiben. Die Redaktion hat keine Blattlinie, es gibt keine Präferenz für eine Partei. Im Gegenteil: Gerade über die Meinungsbeiträge wird in den täglichen Konferenzen kontrovers diskutiert.

Doch einen Gerechtigkeitsanspruch, dass etwa jede Partei einen Anteil an publizistischer Aufmerksamkeit bekommen soll, der ihrem Ergebnis bei der letzten Bundestagswahl entspricht, gibt es nicht. Diese Freiheit der Auswahl sorgt bisweilen für Irritationen bei manchem Spitzenpolitiker, der seine Partei nicht ausreichend gewürdigt sieht und dann Beschwerde-SMS an ihm bekannte Redakteure schickt. Doch die SZ ist kein öffentlich-rechtlicher Sender, der sich vor einem politisch besetzten Rundfunkrat rechtfertigen muss.

Wir prüfen und diskutieren jeden Tag in der Redaktion neu, welche Entwicklungen des Wahlkampfs unsere journalistische Arbeit erfordern. 13 Korrespondenten in der Berliner Parlamentsredaktion sowie viele weitere Kolleginnen und Kollegen in München und den Ländern beschreiben, analysieren und kommentieren das, wovon wir glauben, dass es die Leserinnen und Leser interessiert. Unsere Leserschaft ist das einzige Gremium, vor dem sich die Zeitung zu verantworten hat.

Die SZ-Berichterstattung in Wahlkämpfen gliedert sich - grob gesagt - in zwei Teile: Das eine ist die tägliche Abbildung des Wahlkampfgeschehens, oft in Windeseile als Nachricht und erste Einordnung, wie etwa nach den Fernsehdiskussionen, später dann mit Hintergrundstücken und Analysen. Das andere sind besonders aufwendige Stücke, deren Planung schon mehrere Monate vor der Bundestagswahl begonnen hat. Dazu gehören zum Beispiel die Porträts der Kanzler- und Spitzenkandidaten im Buch Zwei oder auf der Seite Drei der Zeitung. Diese Geschichten sollen über die alltäglichen Ereignisse hinausgehen. Die Autoren beobachten die Politiker über Wochen, begleiten sie im Wahlkampf und führen Gespräche. Im besten Fall entsteht ein Bild der Persönlichkeit, das die Eindrücke aus den Fernsehauftritten vertieft, vielleicht auch in Frage stellt; das typische Charakterzüge schildert oder bislang unbekannte Geschichten erzählt.

Diese Vorausschau muss zugleich verbindlich und flexibel sein. So hatte die Redaktion im Frühsommer zunächst beschlossen, nur Annalena Baerbock und Armin Laschet in einem Buch Zwei zu beschreiben. Zu aussichtslos erschienen die Ambitionen von Olaf Scholz aufs Kanzleramt. Einige Wochen später haben wir diese Planung angesichts der gestiegenen Umfragewerte für die SPD geändert. Über die FDP und die Linke hatte die SZ in den vergangenen Tagen große Seite-Drei-Geschichten, über die AfD schon vor einigen Wochen.

Mitte Juli hat die SZ bei allen drei Kanzlerkandidaten Interviews angefragt. Die Termine mit Baerbock und Scholz waren zügig vereinbart. Bei Armin Laschet haben wir seit Anfang September immer wieder angefragt, zuletzt fast täglich. Man bemühe sich, hieß es stets. Dennoch kam kein Interviewtermin zustande. Der letztmögliche Erscheinungstermin wäre der heutige Samstag gewesen. In der Woche vor der Wahl bringt die SZ aus Gründen der Fairness keine Interviews mehr. Ein Gespräch zu führen, aufzuschreiben, vom Interviewten autorisieren zu lassen und in Blatt und Digitalausgabe sorgfältig aufzubereiten, erfordert mindestens zwei volle Arbeitstage. Am Mittwoch, als uns am späten Nachmittag noch immer kein Terminvorschlag erreicht hatte, haben wir dann das Team Laschet darüber informiert, dass ein Interview in der SZ nun bis zum Samstag organisatorisch nicht mehr möglich ist. Wir bedauern das.

Im Transparenzblog geben wir Einblick ins Innenleben der SZ und erklären unsere journalistische Arbeit. Lesen Sie alle Folgen unter sz.de/transparenz.

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Quelle:
SZ vom 18.09.2021
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