Wo ist jeden Tag Halloween? In der Geisterbahn - da hört das Gruseln nie auf, die Geister haben Urlaubssperre, das Kunstblut fließt durch alle Jahreszeiten und aus den Lautsprechern knarzt und kreischt es am laufenden Tonband. Aber warum zahlt man freiwillig Eintrittsgeld dafür, sich zu erschrecken? Und wieso freuen sich ganz Nordamerika und halb Europa auf die Dämmerung des 31. Oktober?
Klar, wegen der Süßigkeiten. Wegen der Kostüme, sowieso. Aber eben auch wegen des Nervenkitzels. Also, was ist so toll am Erschrecken und Erschrecktwerden? Die Antwort darauf gibt einem am besten eine echte Gruselfigur, die viele Teenager mehr fürchten als Graf Dracula: der Biolehrer. Biologinnen und Biologen wissen, dass der "Schreck" beim "Erschrecken" erst mal nur eine Schutzreaktion des Körpers ist. Er reagiert damit auf einen unerwarteten, scheinbar gefährlichen Reiz. Der erste Schreck soll Menschen schützen, Adrenalin schießt in den Körper, macht uns hellwach und flucht- oder gar kampfbereit. Der Clou: Der Schrecken hat an Halloween schnell ein Ende, weil die Vampirzähne des Nachbarkindes aus Gummi sind, das Blut auf dem Küchentisch nach Marmelade schmeckt und die abgehackten Finger nur Wiener Würstchen mit aufgeklebten Mandel-Fingernägeln sind.
Die Erleichterung, dass der schaurige Zombie nur die beste Freundin ist, führt dazu, dass der Körper Endorphine ausschüttet, Glückshormone. Und weil man weiß, dass einem an Halloween keine echte Gefahr droht, der Gitterkäfig um den Geisterbahnwagen nur Show ist und im Gruselfilm am Ende das Gute gewinnt, wird aus dem Schrecken wohliges Erschauern. Gemeinsam mit Freunden durch eine Nachbarschaft voller künstlicher Spinnweben und Kürbisfratzen zu ziehen macht so viel Spaß, dass Halloween unter Kindern in den USA das zweitbeliebteste Fest nach Weihnachten ist. Und Halloween-Muffeln sei noch gesagt: Es ist ein gutes Zeichen, wenn man gerne gruselige Hörspiele, Filme oder Feste mag - Menschen erschrecken sich nämlich nur dann gerne, wenn sie sich sicher und behütet fühlen.
