Thema der WocheEs bleibt was hängen

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Es hagelt Ärger wegen der neuen Dranbleibdeckel. Zum 135. Schraubverschlussgeburtstag eine Beruhigung samt Witz.

Von Georg Cadeggianini

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Eine Flasche zu verschließen, ist erst mal keine große Kunst. Einfach die Hand draufdrücken, fertig. Problem ist natürlich, dass jetzt die Hand belegt ist. Eine Hand, die man gut für andere Sachen brauchen könnte, zum Fahrradlenkerhalten vielleicht, Nasepopeln oder um das Limoglas so zu schwenken, dass die Eiswürfel gegeneinander klackern: Hallo Sommer!

Weil die Menschen schon immer gern die Hände frei hatten, haben sie sich verschiedene Sachen überlegt. Früher, also lange vor Limo und Fahrrad, haben sie Korkpfropfen genommen und damit ihre Tonkrüge verschlossen. Problem: Richtig dicht waren die nicht und wenn doch, dann steckte der Korken so gut drin, dass man ihn nur schwer wieder rausbekam. Das Problem hört ja nicht beim Verschließen auf. Es geht auch ums Öffnen, Wiederverschließen, Wiederöffnen … Wer will schon eine ganze römische Amphore auf einmal austrinken, 26,026 Liter? Lieber Korken drauf.

Vor 165 Jahren schließlich ließ sich ein Amerikaner unter der US-Patentnummer 22186 „Screw neck bottles“ schützen, Flaschen mit Schraubverschluss. Damals noch ein bisschen kompliziert, und erst mal nur für Einmachgläser. Trotzdem: Der Schraubanfang war gemacht. Stecken da etwa Schrauben drin? Das nicht. Und trotzdem haben Schrauben und Schraubverschlüsse etwas Entscheidendes gemeinsam: Das Gewinde. Im Flaschendeckel ist es ein Innengewinde, bei einer Schraube ein Außengewinde. Beide Mal geht es darum, eine Drehbewegung in Strecke umzuwandeln: Superverschließer! Egal ob Limodeckel oder Regal an der Wand.

Es dauerte noch ein paar Jahrzehnte, bis das, was wir heute als Flaschen-Schraubverschluss kennen, erfunden wurde. Gerade hatte der Schraubverschluss Geburtstag. Er wurde 135 Jahre alt. Alles Gute, altes Zischding!

Natürlich ist seitdem einiges passiert. Der Garantiering ist dazugekommen, das Ding also, das einem sehr einfach zeigt, ob die Flasche noch originalverschlossen ist. Es wurden neue Deckelmaterialien eingeführt. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen und etwa den dreifachen Gewindegang zu bewundern. Der Grund: Gerade die flachen Einweggetränkedeckel aus dem weicheren Plastik würden sich mit nur einem Gewindegang wie bei einer Schraube schräg festziehen.

Die neueste Änderung ist jetzt seit anderthalb Monaten EU-weit verpflichtend. Es ist der Dranbleibedeckel. Plastikkleinteile wie eben solche Deckel landen oft in der Natur oder den Meeren und führen dort zu großen Problemen. Sie sind der Abfall, der zusammen mit ganzen Plastikflaschen am häufigsten an Stränden zu finden ist. In Deutschland werden jedes Jahr 21 Milliarden Einweg-Getränkeverpackungen verkauft, macht mehr als 250 Deckel pro Kopf. Seit 5. Juli müssen fast alle Getränke in Einwegverpackungen Deckel und Flasche zusammenhalten. Tethered Cap heißt das. Man könnte denken, kleines Ding, bisschen Lasso um den Flaschenhals, nicht weiter der Rede wert, wenn’s hilft, okay. Aber: Der Aufschrei ist riesig. Von Bevormundung ist die Rede, von Nerv-EU, Kinder müssten das Trinken neu lernen. Italienische Politiker der Rechten machen mit Fotos, auf denen sich Deckelopfer die Nase schräg drücken, Werbung gegen Europa. Menschen führen vor, wie sie mit Nase, Auge, Wange immer neu sich selbst und der Deckelflasche im Weg sind. Piks!

Es erinnert an einen Witz: „Herr Doktor, immer wenn ich Kaffee trinke, spüre ich so ein Stechen im Auge. Ich bin schon ganz verzweifelt. Was kann das bloß sein?“ Vielleicht ist es genauso einfach? Denn im Witz antwortet der Doktor: „Sie müssen den Löffel aus der Tasse nehmen.“ Oder halt zur Seite drehen.

Deine Eltern kennen wahrscheinlich noch den Ring-Pull-Verschluss von Getränkedosen: Einmal abgezogen, landete er oft einfach irgendwo. Von 1989 an wurde er vom Dranbleibeverschluss abgelöst. Er heißt tatsächlich Stay-on. Seitdem hebelt man den Verschluss in die Dose. Alles bleibt zusammen. Der Aufschrei am Anfang war gigantisch. Absolut unhygienisch, wo jeder rankrabbelt, da lasse ich mein Getränk vorbeifließen. Werden wir alle krank?

Auch beim Plastikdeckel wird sich die Aufregung legen. Ob die Umweltmaßnahme tatsächlich die Meervermüllung mindert, steht noch nicht fest. Auf jeden Fall ist der Dranbleibedeckel etwas, was auffällt. Etwas, was uns im Alltag an das große Thema Umweltschutz erinnert. Und vielleicht könnte man es bei dem nächsten Einwegverpackungspikser ja auch mal so sehen: Umweltschutz, das heißt dranbleiben!

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