SZ: Herr Dr. Pagano, Sie leben in Alaska und sind Eisbären-Forscher. Sehen Sie die Tiere jeden Tag, wenn Sie aus dem Fenster schauen?
Anthony Pagano: Oh nein, bei mir in der Hauptstadt Anchorage gibt es keine Eisbären, hier ist es zu warm. Eisbären brauchen Eis, um zu überleben.
Wieso eigentlich?
Weil Eisbären sich fast ausschließlich von Robben ernähren. Und die können sie nur vom Eis aus jagen. Eine fette Robbe pro Woche muss es schon sein, damit ein Eisbär genug Energie hat.
Und was tun die Eisbären, wenn das Eis im Sommer schmilzt?
Vor allem haben sie Hunger und zehren von ihren Fettreserven. Aber was sie genau tun und was sie stattdessen fressen, wusste niemand. Um das herauszufinden, bin ich mit meinem Team losgezogen in die Hudson-Bucht im Nordosten Kanadas. Dort schmilzt im Sommer das gesamte Eis und die Eisbären sind gezwungen, an Land zu gehen. Wir haben dort 20 Tiere eingefangen und ihnen GPS-Tracker und Halsbandkameras umgehängt.
Dadurch konnten Sie sehen, wohin die Tiere wandern und was sie dort tun?
Ganz genau. Ich habe mir 115 Stunden Eisbärenvideos angeschaut. Also fast fünf Tage und Nächte lang. Ich habe mir das aber über eine längere Zeit aufgeteilt. Es wird sonst wirklich zu langweilig.
Wieso langweilig?
Weil manche Eisbären die Strategie verfolgt haben, möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Sie lagen also drei Wochen lang herum und haben gedöst. Das Videomaterial davon ist nicht gerade spannend. Die Sonne ging auf, die Sonne ging unter. Mehr passierte nicht.
Aber so waren nicht alle Tiere?
Nein, manche Tiere war sehr aktiv. Sie sind Hunderte Kilometer gewandert oder geschwommen. Ein Jungtier schwamm sogar 175 Kilometer weit. Das war unerwartet und faszinierend zu beobachten. Einige Eisbären sind sich auch mehrmals an Land oder im Wasser begegnet. Ich konnte dabei zusehen, wie Jungtiere im Wasser miteinander herumkabbeln. So eine Art spielerische Rangelei unter Freunden. Das miterleben zu können, war einfach toll.
Haben die aktiveren Tiere auch mehr Futter gefunden?
Oh ja, sie haben Beeren, Gras, Eier oder tote Vögel gefressen. Manche haben auch Geweihe oder Knochen gekaut, sie waren wirklich nicht wählerisch.
Und welche Strategie war erfolgreicher: herumlümmeln oder fleißig sein?
Das ist das Überraschende: Es machte überhaupt keinen Unterschied! Wir haben die Bären gewogen, als wir ihnen die Kameras umgehängt und wieder abgenommen haben. Dadurch wissen wir, dass fast alle Bären in den drei Wochen sehr viel Gewicht verloren haben – durchschnittlich ein Kilogramm pro Tag.
Die Futtersuche war für die Tiere also sehr anstrengend?
Ja, und Beeren und tote Vögel sind auch kein Ersatz für Robben, die dank ihrer Fettschicht unglaublich viel Energie liefern. Ein einziger Eisbär hatte kein Gewicht verloren. Wir glauben, dass er Glück hatte und den Kadaver einer Robbe oder eines Beluga-Wals gefunden hat, an dem er sich satt fressen konnte. Leider ist seine Halsbandkamera irgendwann kaputtgegangen, daher wissen wir nicht ganz genau, was er gefressen hat.
Was bedeutet das jetzt, wenn im Zuge des Klimawandels die Sommer immer länger werden?
Das ist nicht gut für die Eisbären. Zurzeit dauert die eisfreie Zeit in der Hudson-Bucht etwa 130 Tage. Aber jedes Jahrzehnt kommen fünf bis zehn eisfreie Tage dazu.
Werden die Eisbären dort also irgendwann verhungern?
Die schwersten ausgewachsenen Männchen wogen über 500 Kilogramm. Die haben so viele Fettreserven, dass sie es vermutlich überstehen. Aber wenn sie irgendwann mehr als 180 Tage an Land müssen, dann werden sie vermutlich verhungern. Und für die kleinsten Jungtiere mit gerade einmal 150 Kilogramm könnten die längeren eisfreien Sommer noch schneller kritisch werden.
