Thema der WocheDer große Schwung

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Jesús Cisneros

Sie lässt uns ein paar Zentimeter über dem Alltag schweben und bringt die Gedanken sanft zum Schaukeln. Eine Liebeserklärung an die Hängematte.

Von Marc Baumann

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Kein Stress! Sogar vom August ist noch ein Fitzelchen übrig. Und der Sommer ist ohnehin noch nicht zu Ende, ein bisschen Zeit ist also noch für entspanntes Hängematten-Glück. Klar, man könnte sich auch an einem Montag im Oktober nach der letzten Unterrichtsstunde erschöpft oder genervt in die Hängematte fallen lassen – wenn es draußen nicht schon zu nass und kalt ist oder drinnen genug Platz. Aber die beste Hängematten-Zeit ist der Sommer und die besten Hängematten-Orte sind im Freien: zwischen zwei Palmen in der Karibik, zwei Pinien am Mittelmeer, zwei Obstbäumen auf der Wiese oder halt ein bisschen schief zwischen Gartenzaun und Laternenmast. Bisschen zuppeln, knoten, justieren: Hält das? Hängt es hoch genug? Reicht der Schaukelplatz? Kommen die Zehenspitzen zum Boden, um sich selbst anzuschubsen? Dann los.

Zur Hängematte dazu gehört ein blauer oder sogar Sternenhimmel. Und ganz viel Zeit und ganz wenig zu tun. Stress mag die Hängematte nicht, obwohl sie so gut dagegen hilft. Und wie geschickt sie das macht: Schon das Reinkommen erfordert Ruhe, sonst plumpst man gleich wieder raus und landet unsanft auf dem Boden. Sich hektisch oder gedankenlos und aufs Handy starrend in eine Hängematte zu legen, endet eher ungut. Ist es aber geschafft, dann übernimmt die Hängematte ganz zart die Kontrolle. Sie nimmt uns den Boden unter den Füßen weg, umfasst uns eng, bringt uns zum Liegen, Ruhigwerden, Wolkengucken. Sitzend und bäuchlings geht auch, klar, aber eigentlich sagt die Hängematte: Hey, leg dich hin, verschwinde in mir, ich wiege dich sanft hin und her. Na los, lass los.

Die Hängematte war schon immer unsere Freundin, erfunden vor mehr als tausend Jahren, um vor giftigen Tieren und nassem Boden zu schützen. Zuerst wohl bei den Taino, einem indigenen Volk auf den karibischen Inseln vor Mittel- und Südamerika, wobei die alten Ägypter auch schon Hängematten gehabt haben sollen. Nach Europa brachte sie der spanische Entdecker Christoph Kolumbus im 15. Jahrhundert. Die Seefahrer hatten damit auch gleich die ideale Schlafvorrichtung für starken Seegang, weil die schaukelnde Hängematte das Schwanken des Bootes auf den Wellen ausgleicht. So wie der junge Romanheld Jim Hawkins in „Die Schatzinsel“. Andere Hängematten-Fans berühmter Kinderbücher: Mogli, Winnie Puuh, Peter Pan, Robinson Crusoe, Tarzan, Tom Sawyer, Huckleberry Finn. Von Pippi Langstrumpf glaubt man es nur, aber sie schlief lieber in Betten, mit den Füßen auf dem Kopfkissen.

An Land, auf Wasser, selbst auf dem Mond ergibt die Hängematte Sinn, sie wurde von der Nasa im Inneren der Mondlandekapseln aufgehängt, damit die Astronautinnen und Astronauten beim Ausruhen auf dem Mond nicht auf dem kalten Boden schlafen müssen. Da ist sie wieder, diese tolle Schwerelosigkeit, die man in einer Hängematte selbst wenige Zentimeter über der Erde spürt: Das Gefühl, bewegt zu sein, ohne sich zu bewegen. Aber wieso schubst das Schaukeln das Glücklichsein so an?

Geborgenheit ist sicher ein Teil der Antwort, man versinkt ja geradezu im Stoff, wird auf angenehme Art verschluckt, bis sich ein Kokongefühl einstellt. Der Blickwinkel verengt sich, was links, rechts, unten oder hinter einem passieren mag, spielt keine Rolle mehr, man schaut nur mehr nach vorne und oben, in die Freiheit, in die Ferne, ins Licht und unbeschwerte Blaue. Und dann ist da noch dieses ungemein beruhigende leichte Hin und Her. Ein Gefühl, das wir schon als Babys mögen, uns damals wie heute ruhiger werden lässt – sanft geschaukelt werden. Das Gehirn schüttet dann Glückshormone aus, Ängste werden weniger. Außerdem purzeln die üblichen Alltagsgedanken durcheinander – neue Perspektiven, neue Ideen, neue Wichtigkeiten entstehen. Wer liegt, braucht keine großen Pläne, der lässt den Körper ruhen und nur die Gedanken wild davonstürmen – bis in den Herbst, Winter, Weihnachten. Aber bis es so weit ist, ist das Schwingding die schönste Sommerglücksverlängerung. Einmal anschubsen, bitte!

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