Süddeutsche Zeitung

Theater in der Krise:Von Werten, Sorgen und Gerechtigkeit

Es geht um die gesellschaftliche Relevanz von Kunst - generell und im Vergleich zu Konsum und Profisport, was beides trotz Corona weiterläuft, während Bühnen geschlossen sind. Brot und Spiele bitte für alle Geschmäcker, fordert eine Leserin.

Zu "Gut verzichtbar" vom 23. November:

Völlige Abstinenz ist übertrieben

Was ist in Corona-Zeiten unverzichtbar? Friseurbesuche, Möbelkäufe, Fußballspiele - okay. Auch Theaterspiele sind unverzichtbar, schreibt Ulrich Khuon in einem offenen Brief an die Kanzlerin. Khuon schreibt das als Präsident des Deutschen Bühnenvereins in der Sorge um das Überleben der Theaterarbeiter und Bühnen in unserem Land. Für Peter Laudenbach ist es der falsche Kampf und Khuon der falsche Mann: Wenn etwas verzichtbar sei, dann Khuons Deutsches Theater, das Laudenbach seit Jahr und Tag mit missgünstigen Kritiken verfolgt. Muss man Khuons Verteidigung der Theaterschaffenden vom Tisch wischen, weil man seine Theaterarbeit nicht mag? Muss man sich deswegen in den Vorschlag einer "Theater-Abstinenz" hineinsteigern? Merkwürdig: Der Theaterkritiker Laudenbach stellt mit dieser groben Polemik seinen eigenen Beruf in Frage.

Prof. Dr. Gunter Gebauer, Berlin

Shoppen vor Kultur?

Die Wortwahl einiger Theatermacher mag überzogen, unverhältnismäßig und bisweilen selbstbezüglich erscheinen. Doch Theater könnten in dieser Zeit auch Orte sein, an denen der gesellschaftlich politische Diskurs über Sinn und Verhältnismäßigkeit der ergriffenen Maßnahmen und ihre gesellschaftliche Auswirkungen bedacht, kontrovers und reflektiert und eben nicht wie auf der Straße polemisierend, spalterisch und propagandistisch geführt werden könnte. Da fehlt Theater in dieser Zeit. Theater bedeutet eben nicht nur Premieren durchziehen und Kosten einspielen! Theater ist auch Spiegel von Gesellschaft, Diskurs, Kontroverse usw. Das vernachlässigt der Artikel komplett.

Ich bin der Auffassung, dass die Politik in der Summe richtige und verhältnismäßige Entscheidungen trifft, aber wenn ich sehe, wie sich in Geschäften die Menschen auf den Füßen stehen, um sich zum Beispiel mit den neusten Klamotten einzudecken, dann kann ich den Frust der Theaterszene durchaus nachvollziehen und frage mich schon, ob die Schwerpunktsetzung des Teil-Lockdown immer richtig ist.

Michael Jöde, Hamburg

Verwöhnte Kulturszene

Es ist eine Wohltat, dass sich endlich ein Journalist findet, der die völlig entgleiste Jammerei der Kulturszene zur Realität in Bezug setzt. Wie auch der Verfasser, so will auch ich keinesfalls in Abrede stellen, dass viele Kulturschaffende derzeit (wie viele andere Bürger auch) ein Problem haben. Faktum ist jedoch auch, dass viele Angestellte öffentlicher Bühnen sehr wohl gut durch die Krise kommen.

Diese Situation jedoch in Endlos-Schleife als "Katastrophe" zu bezeichnen und gebetsmühlenartig zu behaupten, dass Ansteckungen in Theatern mit Hygieneplan nicht nachgewiesen werden konnten, ist absurd und verantwortungslos. Es ist hinlänglich bekannt, dass inzwischen 75 Prozent der Infektionsketten nicht mehr nachvollziehbar sind. Wie kann ein ernsthafter Mensch in einem solchen Geschehen eine solche Behauptung aufstellen?

Wie von Autor Laudenbach richtig ausgeführt wird, sind die Zuschauer sehr wahrscheinlich in vollen öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und bei geöffneten Gastronomiebetrieben auch dort noch in nicht nachvollziehbaren Kontakten. In diesen mühsamen Zeiten gilt es ganz pragmatisch die Kontakte zu reduzieren. Das sollte eigentlich und auch gerade bei Kulturmenschen angekommen sein.

Ich bin selbst Ärztin (im Ruhestand) und habe großen Respekt vor allen Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern die ihren Dienst tun und ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen. Angesichts dessen ist es zynisch, mit welcher Selbstüberschätzung diese Wirklichkeit und die Lebenswirklichkeit Tausender Corona-Kranker ignoriert wird, die in vielen Fällen nie mehr richtig gesund werden. Offensichtlich ist die Kulturszene in unserer Wohlstandsgesellschaft sehr lange gepampert und verwöhnt worden, so dass ein Teil eine angemessene Empathie nicht mehr aufbringt.

Dr. med. Karin Schönlein, Gollenshausen

Dann bitte Brot und Spiele für alle

Da irrt Herr Laudenbach, Theater ist nicht verzichtbar, sondern humanrelevant. Gut verzichtbar wäre eher der Profifußball! Da werden tausendfach Laborkapazitäten gebunden, die in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Schulen zur Auswertung fehlen, damit die Fernsehmilliarden fließen. Wenn schon "Brot und Spiele", dann bitte auch für diejenigen, die sich der Hochkultur erfreuen möchten.

Da die Zahlen ja weiter steigen, waren ganz offensichtlich die Theaterbesucher nicht die Schuldigen. Und dass sich Intendanten jetzt endlich (!) zu Wort melden, dann ist das nicht peinlich und larmoyant, sondern da versuchen Arbeitgeber schlicht den zahlreichen freischaffenden Künstlern das Arbeiten zu ermöglichen, die seit März in den meisten Fällen gar nichts verdient haben. Denn der Großteil hat keine riesigen Abendgagen und davon auch kein Polster, welches einem helfen würde durch, die Krise zu kommen.

Es sind diese Solo-Selbständigen, die kein Überbrückungsgeld erhalten, weil sie sparsam leben und Geld auf die Seite gelegt haben, weil man als Freischaffender eben auch mal freier sein kann, als einem lieb ist. Die jetzt schon wieder Berufsverbot haben! Die man mit einer Novemberhilfe abspeist, die von November bis Juni einmalig 5000 Euro für den gesamten Zeitraum vorsieht! Die Mittel der Theater wurden in den vergangenen Jahren oft weniger, einige Kommunen weigern sich seit Jahren ihren Anteil am neuen Tarifabschluss zu übernehmen, faktisch also eine Etatkürzung. Lediglich zehn Prozent des Etats sind frei verfügbar, und das ist derjenige, von dem auch die Solo-Selbstständigen bezahlt werden, da ist der Spielraum keineswegs groß. Deshalb vermutet praktisch jeder in der Branche,dass mit dem Ende der Coronakrise die Krise der Theater weitergehen wird, denn dann sagen die Kommunen, "Sorry, leider kein Geld da, wir kürzen die Subventionen". Daher: So ein Artikel ist Wasser auf die Mühlen derjenigen in Ländern und Kommunen, die sich bereits jetzt die Hände reiben und den Rotstift spitzen.

Katja Drewanz, Offenbach

Destruktives in schwieriger Zeit

Einerseits ist der Text recht salopp, das soll ja auch die Polemik ausmachen, über die man scherzhaft sagt, sie habe die Zärtlichkeit des Kannibalen an der Kinderwiege. Und mit ähnlichem Appetit greift der Text zur Serviette: Launig, sarkastisch, würzige Einzel-Zitate in genüsslichen Gänsefüßchen - dabei wird alles in einen Topf geworfen, vor allem eine Handvoll Intendanten, um daraus eine indifferente Suppe zu kochen: den Eintopf des larmoyanten Theaterbetriebs.

Aber es darf kein Zweifel bestehen jenseits der schlampigen Rhetorik - vom Einzelnen aufs Ganze, von Institutionen auf Emotionen, von Gedanken, die man unterstellt und dann wie ein Taschenspieler sich darüber lustig macht, als ob irgendein "naiver" Intendant Intensivbetten und Theatersitze verglichen hätte - kurz: jenseits der defekten Schlüsse und Herleitungen, ist der Text populistisch, in seinen stigmatisierenden Setzungen und seinem Verdikt als Überschrift "Überflüssig". Das etwas hängen bleibt, ist der einfachste Trick, und sobald der Ton gesetzt ist, muss man auch nur die Saite am Schwingen halten, dadurch tarnt sich das unverblümt Destruktive als Beweisführung. Auf diese Weise delegitimiert man das Opfer der Attacke, noch ehe man den Fall vorgetragen hat: und natürlich - jede Gruppierung, die ihre Situation prekär oder problematisch findet und für eine Veränderung oder wenigstens einen Diskurs darüber kämpft, kennt das paternalistische Abwatschen: Es gibt größere Probleme, heul nicht rum, ihr kriegt den Hals nicht voll, seid mal bescheiden, wo gehobelt wird, das große Ganze, andere haben es auch nicht leicht.

Und der Versuch, Ulrich Khuon mit dem Hinweis zu unterminieren, "man" habe am Deutschen Theater schon "einige halb harmlose, halb gefällige Aufführungen" gesehen, ist natürlich brillant. Man muss sich wirklich fragen, wem ein solcher Text etwas bringt, welche Situation er bereinigt oder auch nur bereichert. Anders als die gescholtenen Theater, die - wie etwa die Gastronomie - das Recht und die Pflicht haben, an sich zu erinnern, denn die im Dunkeln, die sieht man nicht, und die vergisst man schnell. Es wäre unverantwortlich von den Branchenverantwortlichen, sich nicht in Erinnerung zu rufen, es den politisch Verantwortlichen nicht schwer zu machen. Und zwar im Interesse unserer Mitarbeiterinnen und Zuschauer.

Der Text ist konstruktiv nur in einer Weise - mit "Verzichtbar" hat er denen Munition geliefert, die Theater schon immer genau dafür gehalten haben. Damit erweist er sich auch als grausam, denn er hat keinen Begriff von der Sorge, welche die Menschen am Theater heute haben, die sich dagegen verwahren dürfen, die Schrotladung "Larmoyanz" und "Peinlichkeit" ins Gesicht geschossen zu bekommen (Pardon). Die Zeit fühlt sich destruktiv genug an. Das System der Negativität soll sich nicht schließen.

Thomas Bockelmann,Thomaspeter Goergen, Staatstheat. Kassel

Den Blick zurechtgerückt

Dass die SZ den Kommentar von Peter Laudenbach abdruckt, ist sehr verdienstvoll und überfällig. Rückt er doch die Dauerlarmoyanz vieler Theaterleute durch einen differenzierten Blick auf die durch die Pandemie entstandene gesellschaftliche Situation zurecht.

Veronika Bisswang, München

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SZ vom 01.12.2020
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