TerrorismusWahre Gründe benennen

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Wie bekämpft man den Terror in der Welt nachhaltig? Ein Leser, der selbst Konflikt- und Friedensforscher ist, meint, die Soft-Power-Strategie sei, kombiniert mit militärischen Maßnahmen, der völlig falsche Weg.

"Die Soft-Power-Strategie" vom 9. Februar:

Selbstverständlich ist seit dem 11. September 2001 etwas Großes schiefgegangen. Als ein in den USA lebender Deutsch-Amerikaner und Konflikt- und Friedensforscher kann ich mich dieser Meinung nur anschließen. Es ist jedoch nicht genug, die sogenannte Soft-Power-Strategie im Einklang mit anhaltenden Militärmaßnahmen in der Bekämpfung des Terrorismus zu verfolgen. Wir brauchen mehr Klarheit über die Zusammenhänge, doch diese Klarheit erhalten wir nicht von den üblichen Stimmen der "Terrorismus-Experten-Industrie". So ist zum Beispiel die eher unkritische Haltung in dem Artikel, dass Diplomatie zu den militärischen Maßnahmen kommt, eine weitverbreitete Fehleinschätzung. Militärische Maßnahmen können in der Terrorbekämpfung kein Teil eines größeren Lösungsansatzes sein, da diese jegliche anderen Maßnahmen wie Diplomatie, Verhandlungen, Armutsbekämpfung oder Bildung unterlaufen. "Good Governance" ist also nur dann ein nützliches Konzept, wenn es nicht mit Bomben und Waffenlieferungen unterstützt wird.

Natürlich erkennen wir die Fehler von Irak und Afghanistan. Wir müssen jedoch weitergehen und kritisch über das eigene Land nachdenken. Die US-Regierung und die Medienlandschaft bauen den Diskurs auf einer "Gut gegen Böse"-Dichotomie auf. Es ist einfach, von einer religiösen Welle zu sprechen, doch das ist nur ein Teil der Geschichte, und allein stehend schlichtweg falsch. Die Tatsache, dass die US-Armee als Besatzungsmacht in mehreren Ländern des Nahen Ostens agiert, ist einer der Hauptbeweggründe für Terroraktivitäten innerhalb und außerhalb der Region. In der IS-Führung sind natürlich religiöse Fanatiker, doch die Militärführer des IS sind überwiegend säkulare, ehemalige Saddam-Gefolgsleute. Man muss natürlich diverse Soft-Power-Ansätze verwenden, aber nicht, ohne die Beweggründe von Terrororganisationen zu verstehen und den Kontext im Ansatz umzuwandeln. Das bedeutet, die Wurzeln des Terrorismus auf politischer, sozialer und kultureller Ebene zu untersuchen. Wenn das geschieht, dann muss man sich kritisch und konstruktiv mit der Kolonialgeschichte und anhaltenden Besatzung in Nahost auseinandersetzen. In Europa müssen Fragen der Armut, Arbeitslosigkeit, Identität und Integration von jungen Einwanderern ein zentraler Ansatz sein.

Was in unserem Diskurs fehlt, sind die "Experten" aus der Konflikt- und Friedensforschung. Die Praxis und Theorie in diesem Forschungsfeld deutet darauf hin, dass wir in der Tat bessere und effektivere Mittel als militärische Maßnahmen haben, um den Terror zu bekämpfen.

Dr. Patrick Hiller, Hood River/USA

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen.

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© SZ vom 17.02.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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