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Terrorismus:Schleichende Beschädigung

Ob der jüngsten Anschläge seien viele eingeschüchtert, ihre Meinung zu heiklen Themen zu äußern, befürchtet ein Leser. Wir müssen unsere Werte verteidigen und die Gefühle Andersgläubiger respektieren, schreiben andere. Ein Balanceakt.

Nach dem Terrorangriff in Wien

Nach dem jüngsten Terror-Akt in Wien wurden Kerzen und Blumen vor der Ruprechtskirche niedergelegt.

(Foto: dpa)

Zu "Aggressive Abwehr", 13. November, "Je suis Meinungsfreiheit" und Liberté, Egalité, Brutalité, 3. November, sowie zu "Stoizismus wagen", 4. November und "Terror in der Stadt der Palmen", 30. Oktober :

Besinnen auf universelle Freiheit

Der Anschlag in Wien steht höchstwahrscheinlich in einer Reihe von islamistischen Anschlägen im Gefolge der enormen Unruhe in der islamischen Welt nach dem Start des Charlie-Hebdo-Prozesses in Paris und erneut gezeigten Mohammed-Karikaturen. In diesem Zusammenhang haben sich seriöse deutsche Islamkritiker (Khorchide, Ourghi, Abdel-Samad, Necla Kelek) jüngst in der Wochenzeitung Die Zeit besorgt an eine aufgeklärte Öffentlichkeit gewandt, vor der Offensive des politischen Islam beziehungsweise Islamismus nicht einzuknicken. Sie stehen großenteils unter Personenschutz und bangen um ihr Leben.

Ich vermute, dass in Deutschland eine Mehrheit von Ethik-, Sozialkunde- und Geschichtslehrern derzeit und in alle Zukunft aus Angst um ihr Leben es vorziehen, Mohammed-Karikaturen oder Vergleichbares im Unterricht nicht zu zeigen. Was vergleichbar ist, entscheidet die islamische Welt ganz alleine. Es erscheint mir höchste Zeit, auf diese schleichende Beschädigung der freiheitlichen Meinungsäußerung und Kunstausübung hinzuweisen, und sich zu fragen, wie wir wieder zu echter Freiheit im Raum von Schule und Universität kommen können. Statt der universalen Werte aus 1789 scheint heute unter dem einflussreichen Multikulturalismus oberstes Gebot zu sein, dass keine der Gruppen, die sich alle als Opfer fühlen dürfen, beleidigt wird, um den Preis, dass Sprache und Freiheit mehr und mehr stranguliert werden.

Im letzten kurzen Abschnitt zeigt der Artikel "Stoizismus wagen" Empathie mit den Opfern. Diese Todesopfer sollen nach islamistischer Logik in der Gesellschaft, insbesondere bei Lehrern an den Schulen und Universitäten eine abschreckende Wirkung entfalten, und das kann nicht akzeptiert werden. Dafür mussten Unschuldige sterben, jedes Opfer des Islamismus wie auch auf den Scheiterhaufen der Geschichte ist eines zuviel. Der Islam wird sich der Reform und zur Gesellschaft hin öffnen müssen, das wurde Christen seit 1789 ja auch abverlangt, damit ein friedliches Zusammenleben möglich wird.

Dr. Michael Stegherr, Nürnberg

Menschlichkeit vor Xenophobie

Jede Tötung eines Menschen ist zu verachten, sei es durch einen Terroranschlag, sei es aber auch durch legitimierte Aktionen wie in Kriegen. In Ländern wie Afghanistan, Syrien, Irak, Mali etc. herrschen seit Jahren kriegsähnliche Zustände, mit Zutun und Einmischung mächtiger Länder. Das prägt und radikalisiert. Der demokratische Westen ist in den Augen vieler Islamisten dekadent, oberflächlich und hegemonistisch. Hinzu kommt, dass die Einstellung des IS einige Jahrhunderte hinterherhinkt. Eine fatale Zeitverschiebung. Heute islamistischer Terror im Namen Allahs, damals im Namen Gottes Hexenverbrennungen, Kreuzzüge. Der Hass auf Andersgläubige und Andersdenkende bleibt derselbe.

Der Schuss des jungen Wiener Angreifers ging nicht nur nach vorne, sondern auch nach hinten los. Schon rührt sich rechtes Gedankengut und sinnt auf Vergeltung. Zu hoffen ist, dass keine neue Xenophobie in Österreich aus dem Boden schießt. Es reicht schon, dass Kanzler Kurz und Co. immer noch vehement gegen die Aufnahme von Menschen aus Flüchtlingszentren sind. Aber Mensch bleibt Mensch. Und Menschlichkeit bleibt auf der Strecke.

Sylvia Dürr, Innsbruck/Österreich

Entschlossen dagegen stemmen

Natürlich wäre es wünschenswert, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung auf Morde islamistischer Extremisten gelassen reagiert, wie im Kommentar "Aggressive Abwehr" thematisiert. Und dass die politischen Reaktionen ebenso gelassen und ausgleichend sind. Nach fünf Jahren fortgesetzter grausamer islamistischer Anschläge in Frankreich halte ich es aber für wichtig, dass sich eine freiheitliche Demokratie mit Entschlossenheit gegen derartige Entwicklungen stemmt. Dies erwartet ein Großteil der Bevölkerung und wünschen sich auch diejenigen, die den Islam in einer Gesellschaft mit christlichem Hintergrund in friedlicher Koexistenz praktizieren.

Die Politisierung und Radikalisierung im Namen Allahs hat in den vergangenen fünf Jahren sicher nicht abgenommen, das Untergraben freiheitlicher Werte durch islamistische Hardliner erfolgt unter Ausnutzung genau dieser Freiheitsrechte, insbesondere der Religionsfreiheit. Die Demokratie muss sich auch in diesem Punkt als wehrhaft erweisen, um dem um sich greifenden Populismus nicht weiteren Nährboden zu bieten. Die Kritik an dem angedachten Verbot von Aufnahmen von Polizisten bei gewalttätigen Auseinandersetzungen ist nicht ausgewogen. Ich war selbst mehr als 40 Jahre im Polizeidienst und kann versichern, dass es sich bei Zwangsmaßnahmen gegen 17-Jährige nicht per se um Übergriffe der Polizisten handelt.

Ich bin keineswegs automatischer Befürworter eines Aufnahmeverbots, aber wer glaubt, dass sich 17-Jährige nicht auch extrem gewalttätig verhalten können und dabei gegebenenfalls auch mit dem nötigen Zwang zum eigenen Schutz und dem Schutz anderer bedrohter Personen gehindert werden müssen, der verkennt die Realität.

Ulrich Reinlein, München

Nicht Öl ins Feuer gießen

Der Täter in Frankreich war wohl fern jeder Aufklärung, noch tief im Mittelalter verwurzelt. Auf welch' wackeligen Beinen steht der Glaube, wenn man ihn durch Mord verteidigen kann. "An ihren Taten werdet ihr sie erkennen" (Altes Testament). Aber es liegt noch nicht so lange zurück, dass auch in Europa im Namen des "Christentums" Frauen als Hexen und Andersgläubige zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurden.

Was für die Christen Christus, ist Mohammed für den Islam. Ein Mittelpunkt, nach dem sie ihr Leben ausrichten. Aber wenn man weiß, wie allergisch manche Mohammedaner auf Kritik an ihrem Religionsstifter reagieren, warum muss man Öl ins Feuer gießen, diesen veräppeln? Das hat mit berechtigter Kritik nichts mehr zu tun. "Wer Wind sät, wird Sturm ernten." Leider ist nicht zu hoffen, dass religiösen Fanatikern mit Aufklärung beizukommen ist. Man muss leider zum Schwert greifen, wie in Syrien gegen den IS - um sich zu verteidigen.

Gerhard Wunder, München

Religion mit Vernunft predigen

Die islamistischen Morde in aufgeklärten, sozialen Rechtsstaaten sind unüberlegte Gefühlsreaktionen. Solche asozialen Reflexe und extremen Emotionen sind das Baumaterial der Ideologen. Unvernünftige Gesellschaften, die sich darauf stützen, müssen erfolglos bleiben. Diese selbstgemachte Erfolglosigkeit schlägt von Zeit zu Zeit in Hass um, in blinde Attacken auf die Erfolgreichen. Dabei wimmelt es in den Köpfen der ideologisierten Attentäter nur so von Übertreibungen, Verallgemeinerungen, Verwechslungen, wie die des Propheten mit einem Gott. Daraus entsteht dann der verwirrte Vorwurf der Gotteslästerung. Die Kritik am Religionsgründer wird zur Blasphemie; und diese kann in den empathielosen Köpfen nur mit dem Tod gerächt werden, wie zu Lebzeiten des Propheten.

Der Glaube an einen gerechten Gott mag psychologisch gesehen oft hilfreich sein, der Verzicht auf das Nachdenken ist es nie. Deshalb ist es so wichtig, auch in der Religionslehre Wissen und Vernunft nicht auszuklammern. Die islamischen Religionslehrer sollen nicht das sklavische Nachbeten mittelalterlicher Mythen vermitteln, sondern ihre "handlungsleitenden Grundannahmen" (Thomas Piketty) aus den Notwendigkeiten humanen Miteinanders ableiten.

Dr. Dietrich W. Schmidt, Stuttgart

Gefühle Gläubiger respektieren

Ich finde es nicht akzeptabel, dass Herr Steinke in "Je suis Meinungsfreiheit" eine Aktion aus dem Jahr 2006 verteidigt, als jemand Toilettenpapier mit dem Aufdruck "Koran" vertreiben wollte. Dies ist keine Meinungsfreiheit, sondern die bewusste Provokation Andersgläubiger, es bedeutet Herabsetzung und Verachtung für diese Gruppe. Ich bin der Meinung, dass man die religiösen Gefühle einer religiösen Minderheit in unserer Gesellschaft respektieren sollte. Sonst begibt man sich auf die Stufe von Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass.

Dr. Renate Mengen, Herrsching

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© SZ vom 18.11.2020
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