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SZ Werkstatt:Wie unabhängig ist die SZ von Geldgebern?

SZ-Redakteur Klaus Ott recherchiert für die Zeitung viel investigativ. Für die Frage eines Lesers hat er den Blick nach innen gerichtet.

Klaus Ott

Klaus Ott steckt seine Nase gerne in Geschäfte, die nicht so gut riechen. Und redet gerne mit Leserinnen und Lesern über seine Arbeit. Weil es immer wichtiger wird, dass Redaktionen erklären, was wie in die Zeitung und ins Netz kommt.

(Foto: Süddeutsche Zeitung)

Wie unabhängig ist die SZ von Geldgebern?

Lars Buschmann

Die wichtigsten Geldgeber der SZ sind unsere Leserinnen und Leser. Wir müssen verlässliche Informationen liefern: gut recherchierte Berichte, spannende Reportagen, packende Interviews ... Nur wenn wir mit Inhalten überzeugen, werden wir für unseren Journalismus bezahlt.

Daneben finanziert sich die SZ zum Teil auch über Werbeeinnahmen. Früher war das mal sehr viel mehr, aber auch jetzt hilft jede Anzeige, die Zeitungskasse aufzufüllen. Abhängig von den Anzeigenkunden sind wir, wenn wir etwa brisante Themen anpacken, deshalb aber nicht. Ich arbeite seit mehr als 36 Jahren für die SZ, ich habe viel über Affären bei Siemens, Telekom und Bahn berichtet, oder bei Audi, Daimler, Volkswagen und anderen Konzernen. Das waren oder sind alles wichtige Anzeigenkunden. Aber es ist mir kein einziges Mal passiert, dass jemand gesagt hätte, wir sollten vorsichtiger sein, um Werbeaufträge nicht zu gefährden.

Es ging immer um ganz andere Fragen: Reicht das, was wir an Verdachtsmomenten über aktuelle und ehemalige Konzernchefs wie Pierer, Mehdorn, Stadler oder Winterkorn recherchiert haben, für eine Berichterstattung? Haben wir genügend Informationen für eine (mutmaßliche) Verstrickung dieser Konzerne und ihrer Chefs in die jeweiligen Affären? Haben wir Betroffene rechtzeitig befragt? Darum geht es in der Redaktion, wenn wir entscheiden, was wir wann veröffentlichen.

Das gilt auch für die Politik. Natürlich geben die Parlamente und Regierungen manchmal den finanziellen Rahmen für Medien vor. Da geht es dann um die Höhe der Mehrwertsteuer oder um Zuschüsse für die Digitalisierung der Presse. Aber auch da habe ich nie erlebt, dass das bei der Recherche und der Berichterstattung eine Rolle gespielt hätte. Angefangen bei Affären von Franz Josef Strauß und Max Streibl über Vorgänge, bei denen Peer Steinbrück und Wolfgang Schäuble als Minister schlecht ausgesehen haben, bis hin zu Wirecard, wo es auch um die Verantwortung von Olaf Scholz geht.

Die grundsätzlich gute Lage bei uns darf nicht den Blick dafür verstellen, dass die Pressefreiheit auch in Deutschland manchmal bedroht ist. Weil Extremisten Journalisten attackieren oder verfolgen. Weil manche Konzerne und andere Kräfte mit Hilfe von Anwälten, die sich wie Zensoren verhalten, übers Ziel hinausschießen und kleine Redaktionen sich keine teuren Prozesse leisten können. Und manches mehr. Aber dass Geldgeber Einfluss genommen hätten, habe ich nie erlebt. ko

© SZ vom 02.10.2020

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