Süddeutsche Zeitung

SZ Werkstatt:Wie laufen Recherche-Kooperationen?

Nachrichtenchef Nicolas Richter über die Zusammenarbeit mit NDR und WDR bei komplexen und datenintensiven journalistischen Projekten.

Wie kam die Recherchekooperation SZ, NDR und WDR zusammen; wessen Idee war das; welche Journalisten sind dabei; und läuft die Zusammenarbeit immer ad hoc?

George Williams, Bonn

Am 24. Januar 2014 gaben die Süddeutsche Zeitung, der Norddeutsche Rundfunk (NDR) und der Westdeutsche Rundfunk (WDR) eine ungewöhnliche Erklärung heraus. Die "bewährte und erfolgreiche Zusammenarbeit" zwischen SZ und NDR werde ausgebaut, diese werde nunmehr um den WDR erweitert. Der damalige Chefredakteur der SZ, Kurt Kister, teilte mit: "Das Projekt dieser gleichsam trimedialen Recherche-Partnerschaft ist gut für alle - für Hörer, Zuschauer und Leser, für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und für die Süddeutsche Zeitung."

Inzwischen ist die Formel "nach Recherchen von SZ, NDR und WDR" zu einem festen Begriff in der deutschen Medienlandschaft geworden. Die vom früheren Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo geleitete Kooperation hat in den vergangenen sechs Jahren zahlreiche Exklusivgeschichten veröffentlicht, zu Terrorbekämpfung, Wirtschaftskriminalität, Parteispenden und gesellschaftlichen Themen. Mal ging es um den Attentäter Anis Amri, mal um illegale Parteispenden an die AfD, um Skandale in Sachen Cum-Ex, Audi und Volkswagen. Hinzu kamen internationale Projekte unter Federführung des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) wie die Panama Papers, Paradise Papers, Implant Files, China Cables und zuletzt Luanda Leaks.

Die Keimzelle der Kooperation lag in einer losen Zusammenarbeit zwischen dem 2009 gegründeten Investigativ-Ressort der SZ unter der Leitung von Hans Leyendecker sowie dem NDR-Magazin "Panorama". Die erste Reportage aus dieser Kooperation erschien am 8. Dezember 2011 auf der Seite Drei der SZ. Der Titel lautete: "Bukarest, Strada Mures, Nr. 4". Es ging um ein Gebäude in der rumänischen Hauptstadt, in dem der US-Geheimdienst CIA ein Geheimgefängnis betrieb, um Terrorverdächtige zu verstecken und zu verhören. Anfang 2014 wurde die Kooperation auf eine neue Stufe gehoben. SZ, NDR und WDR vereinbarten eine enge Zusammenarbeit ihrer jeweiligen Ressorts für investigative Recherche, die von Hans Leyendecker (SZ), Stephan Wels (NDR) und Monika Wagener (WDR) geleitet wurden. Diese Art des gemeinschaftlichen Recherchierens hat sich als richtungsweisend erwiesen: Weil viele Themen immer komplexer, die Datenmengen größer und die Sachverhalte immer globaler werden, bietet sich eine Zusammenarbeit mehrerer Medienhäuser oft an. Es ermöglicht tiefer gehende Recherchen in größerer Geschwindigkeit und für ein größeres Publikum. Viele Recherchen werden im Ergebnis besser, wenn die beteiligten Journalisten die Erkenntnisse aus ihren Quellen zusammenlegen. Inzwischen sind mehrere Dutzend Investigativreporterinnen und -reporter an der Kooperation beteiligt, sie tragen immer neue Geschichten zusammen und bereiten sie für die Zeitung, die Homepages, den Hörfunk und das Fernsehen auf. Mal kooperieren die Kollegen über lange Zeiträume, mal spontan, eine feste Regel gibt es nicht. nir

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Quelle:
SZ vom 22.09.2020
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