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SZ-Werkstatt:Weniger ist mehr

Ulrike Heidenreich verantwortet die Koordination der Wochenend-Ausgaben der SZ. Regelmäßig berichtet sie über Themen wie Kinder- und Zwangsarbeit.

(Foto: Jörg Buschmann)

Ulrike Heidenreich über die Unsitte der Fast Fashion, der billigen Mode auf Kosten der Arbeiter in der Dritten Welt.

Jetzt, kurz vor Weihnachten, werfen wir mal einen konzentrierten Blick in unseren Kleiderschrank. Soll tatsächlich noch ein Pulli oder eine Jacke auf den Wunschzettel? Ziehe ich alles, was da an der Kleiderstange hängt, überhaupt an? Nein - so wird ziemlich sicher die Antwort lauten. Es ist nämlich so, dass jeder Mensch in Deutschland durchschnittlich 60 Kleidungsstücke pro Jahr kauft, 40 Prozent davon aber niemals anzieht.

Wir tragen unsere Kleidung inzwischen immer kürzer, oder eben gar nicht. In der Modeindustrie gibt es dafür die Bezeichnung Fast Fashion. Was für ein schrecklicher Begriff. Alles schneller, alles billiger. Fast Fashion geht auf Kosten der Umwelt - und auf Kosten von Menschen. Einige dieser Menschen, vor allem junge Frauen, habe ich getroffen, als ich im November in Indien war. Mit einer Delegation des deutschen Kinderhilfswerks Terre des Hommes habe ich Mädchen gesehen, die in Baumwollspinnereien und Konfektionsbetrieben im Umkreis der Textil-Metropole Coimbatore ausgebeutet werden. Diese Mädchen, manchmal erst 14 Jahre alt, liefern sich in ihrer Not dem Sumangali-System aus, wie es auch der Wirtschaftsreport in dieser Ausgabe beschreibt. Sie haben keine Rechte, sie sind das schwächste Glied in einer Produktionskette, in der Fabrikbesitzer zu Dumpingpreisen produzieren müssen.

Was können wir als Verbraucher tun? Mit unserer Kaufentscheidung gestalten wir die Branche mit. Einige Initiativen deutscher Textilunternehmen und der Politik zeigen nachweislich Wirkung bei den Fabrikbesitzern im südindischen Textilgürtel. Sie wissen dort, dass sie sich nicht mehr alles erlauben können. Die Fabriken sind schon sicherer geworden, der Druck auf die Verantwortlichen, menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu schaffen, steigt.

Wir haben die Wahl: die Wahl, was wir kaufen. Die Wahl, zu verzichten. Dies ist nicht immer eine Frage des Geldes. Denn wer weniger kauft, hat am Ende mehr Geld, sich etwas Besseres zu kaufen. Also Kleidung mit Qualität und Fairtrade-Siegel anstatt billiger Massenware. Verzicht erleichtert in vielerlei Hinsicht.