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SZ Werkstatt:Warum gab es so viele Artikel zur US-Wahl?

Chefredakteurin Judith Wittwer über die Prioritäten der Berichterstattung in der SZ.

Judith Wittwer; Judith Wittwer

Judith Wittwer ist Chefredakteurin der SZ.

(Foto: Andrea Zahler / Tamedia AG)

Ich bin nicht wahlberechtigt in den USA, genauso wenig wie alle anderen Deutschen. Was also veranlasste die SZ dazu, tagelang so minutiös über den Wahlkampf und die Wahl zu berichten, als gäbe es wenig anderes auf der Welt - noch dazu mit deutlicher Parteinahme für Joe Biden?

Lore Häger, Hamburg

Vier Jahre lang ist uns Donald Trump gefolgt, überallhin, jeden Tag. Sein Sperrfeuer aus Dekreten, Niederträchtigkeiten und Lügen hat niemanden kalt gelassen, auch die Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung nicht. Die Reportagen und Kommentare über den US-Präsidenten und sein zerrüttetes Land zählen zu den meistgelesenen Artikeln. "Die unvorbereiteten Staaten von Amerika", eine einzelne große Analyse über das Versagen der USA in der Pandemiebekämpfung, registrierte über 100 000 Seitenaufrufe.

Klicks und Abo-Verkäufe allein rechtfertigen natürlich keine Berichterstattung. Nur weil ein Thema ein großes Echo verspricht, schreibt die Süddeutsche nicht über jeden Mist. Wie Melania Trump den Weihnachtsbaum im Weißen Haus schmückt, mag zwar erstaunlich viele Leute interessieren. Die glitzernden Kugeln im präsidialen Ambiente sind aber nun mal, weltpolitisch betrachtet, weniger relevant als die Strategie eines Präsidenten im Kampf gegen das Virus.

Die SZ möchte Leserinnen und Lesern eine verlässliche, kluge und kurzweilige Begleiterin durch den Alltag sein. Dieser Anspruch beinhaltet eine kontinuierliche und facettenreiche Berichterstattung über den Wahlkampf und die Entscheidung im mächtigsten Land der Welt. Wer die USA regiert, kann viel bewegen: Der Präsident kann voranschreiten, Klimaverträge unterzeichnen und Handelsabkommen anstoßen. Er kann sein Land jedoch auch in die Isolation führen, internationale Pakte kündigen und Strafzölle verhängen. Was der Mann im Weißen Haus entscheidet, bleibt auch für Deutschland - seine Autohersteller, Weinbauern oder die US-Armee-Standorte im Land - nicht ohne Folgen. Rund 80 Artikel hat die SZ daher allein in der Wahlwoche Anfang November zum Showdown zwischen Donald Trump und Herausforderer Joe Biden veröffentlicht. Die Artikel stießen in allen Lesergruppen auf breites Interesse; das dazu geäußerte Meinungsspektrum entsprach dem in der Redaktion vorherrschenden. Weitere Ansichten unseres Publikums zum Thema veröffentlichen wir regelmäßig auf dieser Leserbriefseite, zuletzt Ende November ("Amerika nach der Wahl").

Natürlich berichtete die SZ 2020 auch ausführlich über andere Ereignisse: den islamistischen Terroranschlag in Wien, den Rücktritt von Kosovos Präsident Thaçi oder den Finanzhilfen für Belarussen - dies immer mit einer journalistischen Haltung und dem Bemühen, Fakten und ihre Wertung zu trennen und nicht Meinungen zu machen, sondern unterschiedliche Meinungen zu ermöglichen. jw

© SZ vom 22.12.2020
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