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SZ Werkstatt:Vorbilder

SZ-Volontär Thomas Balbierer über gute und schlechte Beispielgeber und Motivation in unsicheren Zeiten.

Thomas Balbierer

Thomas Balbierer ist seit April 2020 Volontär bei der Süddeutschen Zeitung. Er hat Journalistik und Politik in Eichstätt und im dänischen Aarhus studiert und ist zurzeit in der Dachauer Lokalredaktion der SZ tätig.

(Foto: privat)

Können Sie Ihre journalistischen Vorbilder angeben und sie begründen?

Heinrich Giebhardt, Gießen

Am 19. Dezember 2018 lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, als ich die Nachrichtenseiten überflog: "Spiegel legt Betrugsfall im eigenen Haus offen." Ich las den Artikel erst ungläubig, dann mit Entsetzen. Ein junger Reporter namens Claas Relotius hatte systematisch Geschichten und Protagonisten erfunden, Kollegen getäuscht und die Öffentlichkeit betrogen. Für mich war das ein Schock. Denn Relotius' spektakuläre und preisgekrönte Reportagen hatten mich fasziniert. Hätte mich jemand vor dem Skandal nach meinen journalistischen Vorbildern gefragt, der vermeintliche Meistererzähler wäre wohl auch dabei gewesen.

Aber zum Glück gibt es viele Journalistinnen und Journalisten, an denen man sich zu Beginn seines Berufslebens ein Beispiel nehmen kann. Ich führe im Kopf eine Art Register, in dem Namen von Journalisten gespeichert sind, die mich immer wieder mit ihrer Arbeit fesseln. Und es sind viele. Deshalb wäre es falsch, einzelne Namen herauszupicken. Vorbilder sind für mich keine Idole, die man vegöttert wie Groupies einen Rockstar. Sondern Menschen, von denen man lernen will, weil sie etwas besonders gut können. Etwa die Nachrichtenmoderatorin, die beinharte Liveinterviews mit Politikern führt. Der Reporter, der mit feinem Witz über die Eigenarten des Ministerpräsidenten schreibt. Oder der Rechercheur, der für seine akribische Arbeit mit Insider-Informationen belohnt wird.

Ihr Werk lässt einen hoffen, irgendwann ähnlich gut zu sein. Man studiert ihre Methoden, ab und zu schaut man sich einen erzählerischen Kniff ab. So motivieren Vorbilder und beeinflussen den eigenen Stil. Und manchmal spenden sie sogar Mut, wie ich vor Kurzem erleben durfte. Es war nur ein kurzer Anruf nach einer aufwühlenden Besprechung. Ein erfahrener Kollege sprach einige ermunternde Worte ins Telefon. Sie klangen aufrichtig, was guttat. Als junger Mensch in einer wirtschaftlich unsicheren Branche kann man Zuspruch hin und wieder gut gebrauchen. Ein kurzer Zuruf, ein Lächeln können mehr Eindruck hinterlassen als eine preisverdächtige Reportage. Vielleicht fehlten Relotius in seinen ersten Berufsjahren solche Vorbilder. thba

© SZ vom 14.10.2020
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