Süddeutsche Zeitung

SZ-Werkstatt:Von Komplexen und so

Wozu sind Illustratoren eigentlich da? Lisa Bucher hat sich diese Frage oft gestellt. Im Buch Zwei dieser Ausgabe ist unschwer zu erkennen, dass die Frage unsinnig war. Künftig wird sie Illustratoren an der Uni unterrichten. Schade eigentlich.

Ich erinnere mich an eine "Buch Zwei"-Besprechung, bei der ich erklären musste, warum der Drache in meiner Illustration nur drei Zehen hatte und damit - nach Ansicht eines Kollegen - einen zu wenig. Glücklicherweise gibt es das Drachenwikipedia, wo man nachlesen kann, dass Drachen beim Flug in bestimmte Himmelsrichtungen Zehen dazugewinnen können. Zumindest die aus China. Die wahrscheinlichste Theorie ist also, dass mein Drache beim Rückwärtsflug Zehen einbüßen musste. Fertig. Wurde gedruckt. Alle glücklich.

Mein Beruf ist großartig. Aber es gibt natürlich auch die schlechten Seiten. Da wären zum Beispiel die unzeichenbaren Dinge. Hände, Feuer, Galaxien, Strickwaren und Nudeln. Sie bringen mich zur Verzweiflung. Und vielleicht kommt es mir nur so vor, aber Brainstormings enden überproportional oft bei Pasta. Und auch das geht noch schlimmer. Ich spreche hier vom grundsätzlichen Komplex des Illustrators. Da ist nämlich diese Angst vor mangelnder Relevanz: Wozu bin ich von Nutzen? Werde ich wirklich gebraucht? Tröstlicherweise haben auch andere Berufe Komplexe. Ärzte zum Beispiel sorgen sich um ihre Kreativität. Ich verstehe ihr Problem nicht. Ich finde meines schlimmer. Niemals wird eine Stewardess über dem Ozean aus dem Cockpit stürzen und fragen, ob ein Designer an Bord ist. Falls doch, ich wäre vorbereitet. Ich würde aufstehen und tun, was zu tun ist. Die Farbgestaltung des Cockpits duldet keinen Aufschub.

Das "Buch Zwei" in dieser Ausgabe war meine vorerst letzte Arbeit für die SZ. Ich gehe an die Uni und erzähle bald jungen Illustratoren, dass sie einen großartigen Beruf haben und im Notfall bei Drachenwikipedia nachsehen können. Weiterhin wird mich vermutlich keine Stewardess ausrufen lassen. Aber ich fliege ohnehin nicht gerne.

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Quelle:
SZ vom 29.12.2018
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