SZ-Werkstatt Viele Details, viel Dreck

Ralf Wiegand, 50, ist Redakteur im Ressort Investigative Recherche. Seitdem der Fall im Januar öffentlich wurde, berichtet er mit Kollegen über den Missbrauch eines Jungen und eines Mädchens in Staufen: Abgründe tun sich auf, die ihn auch nach der Arbeit umtreiben.

Von Ralf Wiegand

Ausgerechnet Freiburg, möchte man schreiben, aber das eine hat ja nichts mit dem anderen zu tun. Seit ein paar Monaten fahre ich immer wieder in dieses Großstädtchen mit seinen Pumphosenträgerinnen, Barfußläufern und Liegeradfahrern. Vom Bahnhof gehe ich durch die Altstadt in die Salzstraße, passe auf, dass weder die Straßenbahn von links noch der Fahrradkorso von rechts mich überfahren. Wirklich immer scheint die Sonne, und irgendwo spielt irgendwer die Gitarre. Ganz klar, hier wohnt das Glück.

Und dann trete ich durch die schwere Pforte des Justizgebäudes, gehe zwei Treppen hinauf, nehme die Tür rechts zum Saal IV, auf der Presse steht. Von meinem Klappstuhl aus höre ich, was in den Dörfern um Freiburg herum geschehen ist, notiere, was Kindern hier angetan wurde. Seit Monaten werden hier die Verbrechen von Staufen verhandelt, es geht um Kindesmissbrauch in seiner schwersten Form. Täter um Täter wandert hinter Gitter - nachdem ihre Geschichten vor Gericht erzählt sind. Wie sie wurden, was sie sind. Und was sie getan haben. Viele Details, viel Dreck. Es ist manchmal schwer auszuhalten, für alle hier drin.

Manchmal kommt man ins Grübeln. Sie liegen ja nah beieinander, das flirrende Sommerleben und solches Dasein im Schatten. Wenn die Angeklagten mit uns nach draußen gehen könnten und nicht, in starre Handfesseln gelegt, in ihre JVAs zurückführen - sie würden nicht auffallen. Es sind Jedermänner, mal mehr, mal weniger mitgenommen von ihrem Schattendasein. Aber: Alltagsgesichter.

Ich habe selbst einen Sohn, er ist acht, und natürlich denke ich in solchen Momenten an ihn. Diese Typen mögen aussehen wie jeder, aber sie sind nicht jeder. Sie sind Teil meiner Arbeit, das ja. Aber mit unserem Leben haben sie nichts zu tun. Hoffentlich nicht.