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SZ-Werkstatt:Tiefe Einblicke

Uwe Ritzer erzählt, was ihn auf die Idee gebracht hat, eine Familie bei der Abwicklung ihres Milchviehbetriebs journalistisch zu begleiten.

Der Leserbrief fiel auf, allein deshalb, weil er ohne die übliche Bauernverbandsrhetorik auskam. Ein kleiner Landwirt, von denen es immer weniger gibt, schreibt schonungslos über seine Situation und kündigt an, mit der Milchviehhaltung bald aufzuhören. Weil sie wirtschaftlich keinen Sinn mehr macht und er seine Familie damit nicht mehr ernähren kann. Der Brief ist frei von Jammern und Wehklagen, der Verfasser fordert keine staatlichen Subventionen, wie Bauernfunktionäre das sonst reflexartig tun. Mit denen legt er sich sogar an. Es ist ein bitterer, aber auch selbstbewusster Leserbrief.

Sofort kommt die Idee auf, den Landwirt und seine Familie zu fragen, ob ich sie journalistisch begleiten darf, wenn sie ihren Milchviehbetrieb abwickeln, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert existiert. Karlheinz und Helga Lierheimer erweisen sich als sehr offene Menschen. Nach einem kurzen Kennenlernbesuch willigen sie ein. Allein das ist unüblich, denn normalerweise sind Bauern, fränkische zumal, nun ja, sehr zurückhaltend. "Wir haben doch nichts zu verbergen", sagt hingegen Lierheimer. "Die Leute sollen ruhig erfahren, was los ist."

In der Folgezeit treffen wir uns alle paar Wochen und sprechen manchmal stundenlang über Hofhaltung und Landwirtschaft im Allgemeinen, das Leben und die Kultur auf dem Land, über die Ohnmacht kleiner Landwirte gegenüber Agrarfabriken und Weltmärkten. Auch über die Familie selbst und ihr Zusammenleben, das durch all dies nicht einfacher wird. Es sind bisweilen tiefe Einblicke in einen jahrhundertealten Kosmos und zugleich erzählen sie viel darüber, was der Milchpreisverfall und das Verhalten der Verbraucher beim täglichen Einkauf für die Bauern, ihre Tiere, das Leben auf dem Land und einen Jahrhunderte alten Berufsstand bedeuten.

© SZ vom 21.05.2016
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