Süddeutsche Zeitung

SZ-Werkstatt:Rechts, links des Rheins

Vizechefin des SZ-Parlamentsbüros Cerstin Gammelin über Erfahrungen mit Vorurteilen und fehlenden Debatten, die Populisten im Osten so stark machen.

Es wird ja jetzt viel über den Osten Deutschlands geredet und geschrieben. Immer wieder heißt es, er sei demokratiemäßig einfach noch nicht so weit wie der Westen. Was auch damit zusammenhänge, dass Julius Caesar sich einst kaum über den Rhein getraut habe, geschweige denn über die Elbe. Den Menschen rechtsseitig des Rheins seien eben lange Zeit demokratisch zivilisatorische Fortschritte vorenthalten worden. Die beiden großen deutschen Flüsse erscheinen als politische Grenzen; rechts die Barbaren, links die Zivilisierten.

Nun bin ja ich Redakteurin, keine Historikerin. Aber ich kann mich gut erinnern an meinen ersten Tag bei der Süddeutschen Zeitung, vor mehr als elf Jahren, an dem mir erstmals die fundamentalen Unterschiede zwischen linksrheinisch und rechtsrheinisch nahegebracht wurden. Ich war ja eine der ersten Ostdeutschen, die es in die SZ geschafft hatten. Und nicht nur das, die Chefredaktion hatte sogar beschlossen, mich in die zivilisierte Welt zu senden, als Korrespondentin nach Brüssel. Dass diese Entscheidung vorab durchaus Kopfschmerzen bereitet haben könnte, teilte mir der damalige Leiter des SZ-Büros in der belgischen Hauptstadt mit, ein aus Aachen stammender Journalist aus dem Bildungsbürgertum. Ich würde ja aus dem Lande der Barbaren stammen, die alle rechtsrheinisch und ewige Zeit im Walde gelebt hätten, sagte er, freundlich lächelnd, mit tiefer Stimme direkt am ersten Tag. "Aber wir versuchen es jetzt mit der Zivilisation." Und, ehrlich, ich kramte in meinem Kopf nach Geschichtskenntnissen aus der Schulzeit, um irgend etwas zu entgegnen. Doch da war - nichts.

Mich hat das Geplänkel mit dem linksrheinischen Bürochef damals dazu gebracht, in Geschichtsbüchern zu stöbern und einiges zu überdenken. Unter anderem, dass das in der DDR vermittelte Geschichtsbild viele Bürger tatsächlich dazu gebracht hat, sich als die zu fühlen, die auf der richtigen Seite gestanden haben. Eine wirklich große, offene Debatte darüber hat es dort bisher nicht gegeben. Es ist auch dieses Manko, das die rechten Parteien im Osten ausnutzen.

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Quelle:
SZ vom 31.08.2019
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