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SZ-Werkstatt:Nullzins? Was für Spinner

Finanzexperten müssen sich neuerdings mit Themen herumschlagen, auf die sie im Studium schlecht vorbereitet wurden, meint Andrea Rexer.

Von Andrea Rexer

Als Journalist sucht man stets nach Gesprächspartnern, die Antworten auf drängende Fragen geben können. Doch was, wenn man selbst unter den renommiertesten Experten nur noch Achselzucken als Antwort bekommt? Oder Sätze wie: "Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Konsequenzen das haben wird, wir bewegen uns auf völlig neuem Terrain." Seit Ausbruch der Finanzkrise habe ich diese Antwort in den verschiedensten Variationen bekommen - von Menschen, die anerkannte Experten ihres Gebiets sind. Ich habe erlebt, wie hochdekorierte Universitätsprofessoren, Chefs von Banken, ja sogar führende Notenbanker eingeräumt haben, ratlos zu sein.

Vieles von dem, was in den vergangenen Jahren passiert ist, kam in den Lehrbüchern schlicht nicht vor. Das fing damit an, dass man sich nicht vorstellen konnte, dass alle Banken weltweit gleichzeitig in die Krise stürzen können. Und genauso wenig konnte man sich vorstellen, dass eine Phase niedriger Zinsen so lange anhält. Ganz zu schweigen von Negativzinsen: Das war nun wirklich etwas für Spinner. Das Thema wurde in den Volkswirtschaftsvorlesungen nicht einmal angesprochen. Die Zinskurven begannen oberhalb der Nulllinie, der Bereich darunter wurde schlicht nicht aufgezeichnet. Kürzlich erzählte mir der Chef einer mittelgroßen Bank, wie er von seinen Kollegen ausgelacht wurde, als er vor ein paar Jahren fragte, mit welchem Konzept die Bank ohne Zinsen überleben könne. Heute lacht bei der Frage niemand mehr.

Natürlich ist es für mich als Journalistin unbefriedigend, den Lesern nicht immer klare Antworten geben zu können - gerade wenn es um so wichtige Themen wie die Altersvorsorge geht. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns voranzutasten und mit jeder neuen Erfahrung zu lernen.

© SZ vom 16.04.2016
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