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SZ-Werkstatt:Nüchtern betrachtet

Bevor er als Redakteur zum Grafik-Team kam, hat Christian Endt Mathematik und Physik studiert und bei der SZ volontiert.

(Foto: Stefanie Preuin)

Der SZ-Datenjournalist und Infographiker Christian Endt über das Arbeiten mit Zahlen und Fakten und die fälschliche Annahme, dass diese immer objektiv sind.

Da sind diese schrecklichen Bilder. Ein Mensch schießt wahllos auf andere. Man sieht das Entsetzen der Angehörigen, die Hilflosigkeit der Polizisten. Und mit jeder Massenschießerei in den USA wird die Debatte über Waffengesetze schärfer. Als Wissenschaftsredakteure, Datenjournalisten und Infografiker der SZ haben wir uns entschieden, dieses auf die schrecklichste Art emotionale Thema möglichst nüchtern zu betrachten: Was sagen die Zahlen und Fakten? Was können Forscher belegen? Häufig erzählen die Daten eine andere Geschichte als der Blick in die Nachrichten. Ob Hungersnöte, Seuchen oder Kriege: In vielerlei Hinsicht entwickelt sich die Welt zum Guten, auch wenn man beim Lesen der Zeitung vielleicht einen anderen Eindruck bekommt.

Bei der Recherche zu Massenschießereien bestätigte sich der erste Eindruck: In den USA sterben hierbei erschreckend viele Menschen - und die Zahl steigt. Dennoch lohnt es sich zu differenzieren: Das Ausmaß der Gewalt ist von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich, und die Gründe dafür sind gut erforscht. Statistiken können deshalb helfen, Debatten zu versachlichen. Grundfalsch wäre aber die Annahme, dass Daten immer objektiv wären. Sie werden von Menschen herausgegeben. Menschen haben Vorurteile, Wahrnehmungsfehler und Interessen. Darum ist es ein wichtiger Teil der Datenrecherche, die Quellen zu hinterfragen: Woher kommen die Zahlen, mit welchen Methoden werden sie erhoben und von wem? Es gibt beispielsweise sehr unterschiedliche Definitionen einer Massenschießerei, aus denen komplett andere Zahlen folgen. Da hilft es, Studien und Kleingedrucktes genau zu lesen oder den Urheber anzurufen. Wie jeder Autor der Zeitung wähle auch ich am Ende aus: Welche Informationen landen im Beitrag und in welcher Gewichtung? Je nachdem, wie weit man entlang der Zeitachse zurückgeht, kann der Absturz einer Kurve in einer Grafik beispielsweise mehr oder weniger dramatisch aussehen. Ich bemühe mich, so sauber und gewissenhaft wie möglich zu arbeiten. Aber völlige Objektivität gibt es bei Zahlen ebenso wenig wie bei Worten.