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SZ-Werkstatt:Mal so, mal so

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Josef Kelnberger ist im Alltag Korrespondent für Baden-Württemberg und schätzt vor allem das Teamwork bei SZ-Sonderprojekten. Gemeinsam mit Joachim Käppner leitete er die Redaktion des SZ Jahresrückblicks.

(Foto: Buschmann )

Josef Kelnberger, SZ-Korrespondent in Baden-Württemberg, über seine Zeit als Beobachter der grün-schwarzen Koalition.

Von Josef Kelnberger

Das erste Porträt, das ich als Korrespondent aus Baden-Württemberg schrieb, handelte im Herbst 2014 von CDU-Chef Thomas Strobl. Bei einem Spaziergang breitete er sein Bild des modernen Konservatismus aus, sogar die Homo-Ehe fand darin Platz. Die Südwest-CDU lag in Umfragen bei 41 Prozent, und ich hätte gewettet: Der Mann wird 2016 Chef einer schwarz-grünen Regierung. Denkste. Diese Woche berichtete ich, wie Strobl als Vize der grün-schwarzen Regierung unter Winfried Kretschmann vereidigt wurde.

Das Wunder Grün-Schwarz, alles nur wegen Kretschmann? Man wird häufig gefragt, wie der eigentlich so ist, dieser Kretschmann. Die Antwort ist: Mal so, mal so. Normal. Nach eineinhalb Jahren in Stuttgart staune ich eher, dass die Grünen nicht auch im Bund 30 Prozent erreichen. Wo sie doch mitten im Mainstream schwimmen, vom Bioladen bis zur Homo-Ehe. Um zu ergründen, warum die Südwest-Grünen nicht nur den Zeitgeist treffen, sondern auch die entsprechenden Wählerstimmen einkassieren, porträtierte ich kürzlich den Abgeordneten Manfred Lucha. Er hatte der CDU in ihrem katholischen Stammland Oberschwaben ein Mandat abgejagt. "Politik wird mit dem Arsch gemacht", sagte Lucha, was bedeutet: Man muss sich zu den Leuten hocken. Muss sie nehmen, wie sie sind - und nicht, wie sie sein sollten.

Das Gespräch war auch aus landsmannschaftlichen Gründen interessant. Ich stamme aus der Nähe von Straubing, Niederbayern, wo man Anfang der Achtziger recht gefährlich lebte, wenn man verdächtigt wurde, grün zu wählen. Er stammt aus der Nähe von Altötting, Oberbayern, wo er Anfang der Achtziger die Grünen mitbegründet hat. Seit Donnerstag gehört Manfred Lucha, wie Thomas Strobl, der Regierung Kretschmann an: als Minister für Soziales und Integration.

© SZ vom 14.05.2016
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