SZ-Werkstatt Leben in der Feinstaub-Hauptstadt

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SZ-Korrespondent Stefan Mayr über Filterwürfel beim Stuttgarter Standardstau, Begegnungen mit Gelbwesten und schwäbischer Effizienz im öffentlichen Nahverkehr.

Es muss eine Art emotionales Ritual sein. Anders kann ich mir als Zugereister den täglichen Stuttgarter Stau nicht erklären. Ich fahre in der gelben Straßenbahn, die hier U-Bahn heißt, an den Autoschlangen vorbei, lese, surfe, simse und schüttle den Kopf über alle, die eine Stunde pro Tag mit Händen am Steuer verplempern. Wer nachfragt, hört: Die Bahn hat ja immer Verspätung. Aja, in der Autostadt ist eine Stunde Standardstau einfach schöner als ab und an eine kleine Verspätung.

Aussteigen am Neckartor, Deutschlands weltbekanntem Stickstoffdioxid-Hotspot. Er trägt seinen schlechten Ruf zu Recht. Sechs Spuren treffen auf vier Spuren. Am Dauerstau sind natürlich die Ampeln schuld, und nicht die Autos. Es ist dunkelgrau, es ist laut, die Luft ist schlecht. Wer hier tief einatmet, merkt sofort: Gesund ist das nicht, schnell weg hier. Vielleicht fahren deshalb so viele Männer mit quietschenden Reifen los?

Jetzt baut man giraffenhohe Filterwürfel und bemalt die Hausfassaden mit schadstoffschluckendem Titandioxid. Zudem stellt man 38 zusätzliche Messstationen auf. Viel Steuergeld wird da ausgegeben, um den Dreck der Steuerzahler wegzuschaffen, damit die Steuerzahler mit ihren zwar umweltschädlichen, aber steuerlich bevorzugten Euro5-Diesel-Geländewagen weiterstinken dürfen. Wäre es nicht besser, den Dreck erst gar nicht entstehen zu lassen? Wird durch zusätzliches Messen die Luft besser?

Was man nicht alles macht fürs Wahlvolk, das in gelben Warnwesten demonstriert und "Grüne weg" ruft. Die örtlichen Autobauer trimmen ihre Fabriken unterdessen wacker auf Effizienz und bringen ihre Kunden dazu, ihre meist gut trainierten 75 Kilo und den Nachwuchs mit einem zweieinhalb Tonnen schweren Ungetüm zur Waldorfschule zu befördern. Das kostet und ist ungefähr so, als würde man eine Packung Wattepads mit der Schubkarre befördern. Aber hey, die Kunden wollen es so. Im Stau steht sich's auf dem Hochsitz offenbar besser und eindrucksvoller. Irgendwann werde ich das schon noch kapieren.