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SZ-Werkstatt:Kai Strittmatter...

Kai Strittmatter, 53, hat sein halbes Leben der Beobachtung Chinas gewidmet, freut sich aber über den Wechsel ins beschauliche Kopenhagen mit den Weltklassekonditoreien, von wo aus er über Skandinavien berichtet.

(Foto: privat)

... ist von Peking nach Kopenhagen umgezogen. Warum er sich über den Wechsel in die Stadt der Weltklasse-Konditoreien freut.

Von China nach Skandinavien: Weiter geht kaum. Auch wenn eines schon vor meinem Wechsel klar war: Man kommt zwar raus aus China, aber man kommt nicht wirklich weg von China. Selbst dann nicht, wenn man hoch in die Arktis reist.

Wer ist schon lange vor einem hier? Die Chinesen.

Touristen aus Peking bevölkern die Rentierplüschmützenshops von Tromsø, Investoren aus Shanghai würden da oben gerne ganze Landstriche kaufen. Und trotzdem: Nicht nur was die privaten, plötzlich so gesunden Lebensumstände angeht ("Schau mal: Nebel, Mensch, echter Nebel!") ist der Wechsel von China nach Skandinavien der größtmögliche Kontrast.

Auch beim Arbeiten wähnt man sich bisweilen in ein anderes Universum katapultiert: Da stehen die Handynummern von Politikern im Internet, sind die echt? Sind sie! Da ruft man den stellvertretenden Bürgermeister an, einfach so, und der hebt tatsächlich ab. Er legt dann auch nicht gleich wieder auf, wenn er hört, wer ich bin, Wahnsinn. Er sagt dann noch nicht einmal jenen Satz, der in China unweigerlich auf jede Behördenanfrage folgt und der stets ihr Todesurteil ist: "Schicken Sie uns erst mal ein Fax ..." ist eine Altmännerherrschaft, eine Gesellschaft feudaler Hierarchen, in der in Behörden und Firmen auf jeder Ebene gebuckelt oder befohlen wird.

Das egalitäre Skandinavien ist da ein Schock. Bei einer Podiumsdiskussion in Norwegen über die Erdölindustrie sitzen vier hochkarätige Manager auf der Bühne - und es sind alles Frauen (der einzige Mann in der Runde ist der Quoten-Öko). Und weil die Rezeptionistin nachmittags um vier schon im Feierabend ist, eilt der Direktor der Erdgasverflüssigungsanlage in Hammerfest selbst herbei und bedient die Pforte. Weil außerdem seine Pressefrau die Mutter ins Krankenhaus begleiten musste, übernimmt er dann auch selbst die Führung. Und als einer der Gäste seinen Pullover liegen lässt, da bringt ihn der Direktor am nächsten Morgen um acht im eigenen Auto zum Flughafen, und hat dabei nicht einmal einen Chauffeur. Ist der echt?