SZ-Werkstatt Jenseits des "Paten"

SZ-Italien-Korrespondent Oliver Meiler.

(Foto: privat)

Oliver Meiler berichtet für die SZ seit 2015 aus Italien und war auch vorher schon einmal Korrespondent dort. Was er nach Treffen mit Mafia-Opfern klarstellen will: Die Mafia ist keine Folklore, sondern brutale Realität. Für das Buch Zwei hat er das eindringlich dargelegt.

Von Oliver Meiler

Die Mafia ist keine Folklore, keine irgendwie romanhaft verschrobene Zwischenwelt, so sehr sich das Bild des "Paten" auch in die Köpfe gebrannt hat. Sie ist schmutzig, mächtig, verschwiegen. Und sie ist flüssig, sie durchdringt fast alles, auch die Landesgrenzen. Das Netz der kalabrischen 'Ndrangheta etwa reicht schon lange weit über Italien hinaus, auch bis nach Deutschland. Journalistische Geschichten über die Mafia sind meistens Geschichten über Menschen, die sich gegen ihr System auflehnen: Richter, Priester, Journalisten. Bewundernswerte Menschen, die ihre Freiheit opfern und mit ihrem Zeugnis dem Staat helfen, die Methoden des organisierten Verbrechens zu verstehen. Nichts fürchten sie mehr, als dass man sie plötzlich wieder vergisst und alleine lässt.

In diesem Buch Zwei über die "Agromafia" erzählen drei solche Zeugen, wie die Clans mittlerweile auch die Landwirtschaft unterwandert haben, die schöne Welt der italienischen Lebensmittelindustrie. Besonders berührend waren die Begegnungen mit dem Bauern Roberto Battaglia, einem Neapolitaner, Hersteller von Mozzarella, der den Mut fand, die "Casalesi" herauszufordern. So nennt man die berüchtigten Clans der Camorra aus Casal di Principe. Battaglia, 49, zeigte seine Peiniger an und bezahlt dafür einen hohen Preis: In der Heimat kann er nicht mehr leben, sein Hof verfällt. Er wohnt im römischen Exil, seinen Käse macht er in einem Supermarkt. Nun hat ihm der Staat die Leibwache weggenommen, obschon er noch in fünf Prozessen gegen die "Casalesi" als Hauptzeuge auftritt.

Man könnte ja denken, dass sich jemand wie Battaglia eher nicht so gerne in der Öffentlichkeit zeigt. Aus Furcht. Doch das Gegenteil ist wahr: Nichts ist schlimmer als Stille - sie gefällt den Clans und isoliert ihre Gegner. Darum kann man gar nicht zu viel über die Mafia schreiben, fernab von der Folklore. Für Menschen wie Roberto Battaglia.