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SZ-Werkstatt:Hunger, echter Hunger

Die Leserfrage nach dem spannendsten journalistischen Erlebnis beantwortet unsere langjährige SZ-Korrespondentin und Reporterin Cathrin Kahlweit. Es war in Rumänien, vor der Wende, als zum Recherche-Eifer die Not kam.

Was war Ihr bisher interessantestes/spannendstes Thema im Journalismus?

Norbert Häseler, Ingolstadt

Cathrin Kahlweit

Cathrin Kahlweit, 60, hat ihr langes Reporter- und Korrespondentenleben größtenteils bei der SZ verbracht. Ihr Herz schlägt für den Osten Europas, seine kulturelle Vielfalt und seine komplizierte Geschichte.

(Foto: Jörg Buschmann)

Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren bei der SZ, war im Inland und im Ausland als Korrespondentin eingesetzt, habe die Themen des Tages auf der Seite 2 und das Politische Buch betreut, für die Innenpolitik Reportagen geschrieben und mich nicht einen Tag gelangweilt. Eine der eindrucksvollsten Erfahrungen stammt jedoch aus der Zeit kurz vor meinem Eintritt in die SZ-Redaktion. Ich war im Sommer 1989 noch als freie Journalistin unterwegs. Das Reisemagazin Viva, das es nicht mehr gibt, schickte mich hinter den Eisernen Vorhang nach Rumänien. Nikolae Ceausescu war noch an der Macht, die Securitate hatte das Land im Würgegriff, Nachrichten aus dem Rest der Welt gelangten nur gefiltert nach Rumänien. Es war ein verarmtes Land mit einem brutalen Gespensterregime. Ich sollte eine Reportage über das Donaudelta schreiben, eine damals noch weitgehend unberührte Fluss- und Auenlandschaft mit ihren Tausenden Wasserarmen auf dem Weg ins Schwarze Meer.

Mein Hotel auf einer Insel war menschenleer; nur die Securitate wachte über mich. Um an Nahrung zu kommen, fuhren mein Fotograf, der später dazustieß, und ich durch den Dschungel von Wasser, Dämmen, Brücken, Seitenarmen und angelten; was wir fingen, wurde mit dem hungernden Personal im Hotel geteilt. Flora und Fauna waren faszinierend: Wildschweine, die über die Dämme zwischen den Flussarmen rasten, Flamingos und Pelikane, riesengroße Schmetterlinge, alles bunt und groß und grün und wild. Die einzige Ablenkung in unserer Einsamkeit war ein Schiff voller britischer Vogelbeobachter, die anlandeten wie auf einem Piratenschiff: laut singend, betrunken und sehr raumfordernd. Ein paar Tage durften wir mitfahren. Viele Vogelnamen kenne ich bis heute nur auf Englisch. Das Donaudelta im Frühsommer 1989 war ein Paradies - eine Insel der Vergessenen in einer Diktatur in einer Region im Aufruhr.

Als ich zurückkam nach Deutschland, änderte sich alles rasend schnell. Der Widerstand gegen die Sowjetdiktatur brach sich in allen Satellitenstaaten Bahn, die Mauer wankte und fiel, Ceausescu und seine Frau wurden am 25. Dezember 1989 im Schnellverfahren angeklagt, verurteilt und erschossen. Meine Reportage aus dem Donaudelta ist nie erschienen. Aber die Fotos, wie ich mit einem riesigen Seerosenblatt auf dem Kopf als Sonnenschutz in einem Boot irgendwo in der Donaumündung am Schwarzen Meer Hechte angele, haben einen Sonderplatz in meinem Album. In der Erinnerung war dieser Auftrag keine Dienstreise, sondern ein Abenteuer. ck

© SZ vom 16.07.2020

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