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SZ Werkstatt:Humor statt Moral?

Politikreporter Roman Deininger über das Stilmittel der Ironie und die Gefahr, wörtlich genommen zu werden.

Roman Deininger

Roman Deininger ist politischer Reporter für die Seite Drei und das Buch Zwei. Seit Jahren begleitet er vor allem Markus Söder und die CSU. Ironie hält er für journalistische Notwehr.

(Foto: Jakob Berr)

Ich denke, dass Ironie im Journalismus einen viel stärkeren Eindruck hinterlässt als moralistische Grübelei, zumal Menschen sich nicht gern belehren lassen. Wie sehen Sie das?

Ulf Stefan Brunner, München

Vor einigen Monaten hat die SZ-Redaktion ihr Selbstverständnis in einem Grundlagenpapier zusammengefasst. Darin findet sich - neben gewiss noch viel maßgeblicheren Gedanken - der schöne Satz: "Wo es angemessen ist, begegnet die SZ auch ernsten Themen mit Humor und Ironie." Auf diese Formel können sich bestimmt auch die allermeisten unserer Leser leicht verständigen; es ist ja nicht zuletzt die besondere Mischung aus Information und Unterhaltung, mit der sich die SZ von anderen Blättern unterscheidet. Etwas schwerer dürfte die Verständigung jedoch schon in der Frage fallen, wo genau die Ironie nun angemessen ist.

Im vergangenen Advent malte ich mir etwa in einer Glosse aus, dass der für seine Selbstdarstellung berüchtigte Ministerpräsident Markus Söder mit sofortiger Wirkung auch den Posten des Nürnberger Christkinds übernimmt und sich auf dem Hauptmarkt in vollem Engelsornat der Stadtbevölkerung präsentiert. Eine Leserin empörte sich daraufhin sehr glaubhaft, der Söder sei jetzt wohl total durchgeknallt und müsse daran gehindert werden, einem armen 17-jährigen Mädchen den Job wegzunehmen. Ein anderer Leser forderte dagegen ebenso überzeugend, solche Schmutzkampagnen gegen Söder müssten aufhören - er habe im Internet recherchiert, das mit dem Christkind seien Fake News, eine Erfindung offenbar bösartiger Journalisten.

Alle Missverständnisse ließen sich im Gespräch mit den Lesern schnell und gütlich aufklären. Zurück blieb die ebenso schmeichelhafte wie verstörende Erkenntnis, dass man manchmal selbst dann ernst genommen wird, wenn man die Zeitung mit offenkundigem Quatsch vollschreibt. Vielleicht ist das ja auch ein Zeichen unserer dezidiert ernsten Zeiten.

Aber genau diese ernsten Zeiten sind es eben auch, die Ironie zu einem manchmal wohltuenden Stilmittel machen und, wenn man ganz hoch greifen will, zu einer vergleichsweise friedfertigen Haltung. Wenn die Wütenden in einer zunehmend polarisierten, moralinübersäuerten Gesellschaft nur noch Gut und Böse, Wahrheit und Lüge zu kennen glauben, kann es ja eigentlich nur gesund sein, mit etwas Gelassenheit auf den weiten Raum dazwischen hinzuweisen. Selbst wenn man dann Gefahr läuft, nicht von jeder Leserin und jedem Leser sofort verstanden zu werden. rde

© SZ vom 18.11.2020
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