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SZ-Werkstatt:Hühnchen, Fladenbrot und Reis

Tobias Matern ist für die SZ schon öfter nach Afghanistan gereist. Für seine Geschichte über Afghanistans Vergangenheit fuhr er nach Schweden. Warum, das erzählt er hier.

Es stimmt natürlich nicht, dass in Afghanistan nichts gut ist, wie es die Theologin Margot Käßmann einmal ausgedrückt hat. Wer die hochgesicherten Militärcamps und Botschaftsviertel verlässt, merkt schnell: Gut sind in Afghanistan vor allem - die meisten Afghanen. Sie behandeln ihre Gäste wie Könige: reichhaltiges Essen, Kardamon-Tee, viel Herzlichkeit teilen sie wie selbstverständlich mit ihren Besuchern. In Afghanistan habe ich mutige Menschen wie Arif Afzalzada kennengelernt, der mir Kontakte und Termine organisiert hat für Geschichten, der eingeschätzt hat, welche Reiseroute wir besser meiden, weil die Taliban sie kontrollieren. Ohne einen "Stringer", wie wir ausländischen Journalisten Mitarbeiter wie Arif in Ländern nennen, die wir sonst nicht durchdringen könnten, hätte es keine fundierten Reportagen über Afghanistan in der SZ geben können.

Dass ich ihn nun fünf Jahre nach unserem letzten Treffen in Kabul in einem beschaulichen Städtchen in Schweden wiedertreffen konnte, war ein besonderes Recherche-Erlebnis. Arif musste 2011 fliehen, nachdem er einem britischen Fernsehsender dabei geholfen hatte, über ein Taliban-Trainingscamp zu berichten. Die Islamisten nahmen ihn daraufhin ins Visier. Er musste seine ganze Familie nachholen, denn auch ihnen drohten die Taliban den Tod an. So habe ich nun Arifs Mutter kennengelernt, denn im "Buch Zwei" wollten wir die Geschichte eines Afghanistans erzählen, das heute fast niemand mehr kennt: Im Gepäck hatte ich für sie Fotos von einem amerikanischen Dozenten, der in Afghanistan in den 1960er-Jahren lebte und ein liberales, längst untergegangenes Land aufgenommen hat.

Frau Afzalzada, die auf der Flucht keine eigenen Fotos mit nach Schweden gebracht hat, füllte mir die Bilder des Amerikaners mit Leben: Schließlich erkannte sie darauf ihre Kindheit und Jugend wieder. Sie bedankte sich für die Reise in die friedliche Vergangenheit ihres Landes. Und natürlich hat sie darauf bestanden, dass ich mit der Familie afghanisch esse - Hühnchen, Fladenbrot und Reis.

© SZ vom 07.05.2016
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