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SZ-Werkstatt:Große Themen, viele Meinungen

Holger Gertz

Holger Gertz, 50, ist seit 1999 SZ-Reporter. Vorher, als Sportredakteur, war er oft befasst mit Franz Beckenbauer, Kritik am Kaiser wurde gern als Majestätsbeleidigung missverstanden. Das hat sich inzwischen geändert.

(Foto: privat)

SZ-Reporter Holger Gertz über die Auseinandersetzung mit den populären Themen unserer Zeit und seinem besonderen Verhältnis zu Tausenden von Bundestrainern, Bahnexperten und Fernsehzuschauern.

Vor Kurzem habe ich auf unserer Seite Drei ein Stück über die salutierenden türkischen Fußballer geschrieben. Meine These: Der Fußball ist in Gefahr, zum Propagandainstrument der Antidemokraten zu werden, Erdoğan, Putin. Ich habe von fünf Weltmeisterschaften berichtet und kenne mich im Thema halbwegs aus. Das Leserbriefaufkommen bei Fußballstücken ist immer recht hoch, Leser Helmut M. schrieb: "Wegen solcher Artikel lohnt sich ein ganzes Jahresabo!" Leser Harald G.: "Die Ansichten vom Schönschreiber Gertz zum Thema können wir inzwischen auswendig runterbeten." Ähnlich war die Vielfalt der Reaktionen kurz darauf nach einem Essay über die Deutsche Bahn. Leserin Heidemarie B.: "Einer der wenigen Artikel der letzten Zeit, die ich meinem Mann laut vorlesen musste." Leser Hermann H: "Der Beitrag ist nicht das Papier wert, auf dem er steht!" (Harald G. hat sich noch nicht wieder gemeldet.)

Als SZ-Reporter bewege ich mich gern in Bereichen, zu denen jeder was zu sagen hat, da draußen sitzen unzählige Bundestrainer, Lokomotivführer, Fernsehzuschauer. In der aktuellen SZ steht ein Gruß zum 50. Geburtstag der "Sesamstraße", die mich als Kind geprägt hat. Ich bedauere darin, dass das Krümelmonster inzwischen auf Diät gesetzt worden ist, auch da kann man sicher anderer Meinung sein. Aber, wie hat der Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann gesagt? "Keinen Augenblick behaupte ich: So ist es. Ich sage nur: So sehe ich es."

Hier sind wir an einem wesentlichen Punkt, wie ich die Zeitung verstehe und wie sie auch viele Leser verstehen: Sie ist ein Debattenort, eine Art Marktplatz. Also, der eine schreibt das, der andere sieht es anders, dann tritt man über Leserbrief und Reporterantwort in einen Dialog ein. Ich habe gelernt, dass dieser Austausch bereichernd sein kann, und beantworte die Briefe. Fast alle. Als ich in einer "Tatort"-Kolumne den Schauspieler Martin Wuttke gelobt und die Schauspielerin Simone Thomalla kritisiert habe, schrieb Leserin Heike S.: "Ist das frauenfeindlich oder einfach nur im Unterbewusstsein trieborientiert schwul, was Sie da schreiben?" Tja, was soll man sagen?