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SZ Werkstatt:Glaubensfragen

SZ-Redakteur Matthias Drobinski erklärt, warum Berichte zur katholischen Kirche in der SZ häufiger vorkommen als Beiträge über Belange der evangelischen Kirche.

Matthias Drobinski

Matthias Drobinski beschäftigt sich seit 1997 in der Süddeutschen Zeitung mit Kirchen, Religionsgemeinschaften und religiösen Fragen; seit Januar 2020 ist er Korrespondent in Frankfurt.

(Foto: Süddeutsche.de)

Warum ist der Anteil der Artikel über die katholische Kirche größer als die Zahl der Berichte über die protestantische Kirche in Deutschland? Oder irre ich mich in dieser Einschätzung?

Wulf Lothar Köppe, Eldingen

Wir berichten in der SZ ausführlich über die evangelische wie auch über die katholische Kirche in Deutschland: über Entwicklungen, interne Debatten, Konflikte; über Synodentagungen Bischofskonferenzen; über Kirchen- und Katholikentage. Immer wieder greifen wir, auch in Kommentaren, Essays und Leitartikeln, religiöse, theologische Fragen auf, schreiben über Menschen, die den Sinn des Lebens suchen, über den Wandel der religiösen Landschaft. Wir tun das, weil die Kirchen - allem Mitgliederschwund zum Trotz - die größten zivilgesellschaftlichen Institutionen in der Bundesrepublik sind und die größten Arbeitgeber nach dem Staat. Wir tun das auch, weil weit über Kirchenmitglieder hinaus religiöse Haltungen und Grundeinstellungen jene Voraussetzungen zum Funktionieren eines Gemeinwesens schaffen, die der Staat alleine per Gesetz nicht garantieren kann.

Kirchliche und religiöse Themen finden ein breites Publikum, die Zahl der Zuschriften und Leserreaktionen ist regelmäßig hoch. Mir scheint, dass das Interesse an solchen Themen zuletzt noch gewachsen ist - vielleicht gerade, weil sich so viel ändert und alte Sicherheiten nicht mehr gelten. Insgesamt berichten wir tatsächlich häufiger über die katholische als über die evangelische Kirche. Das katholische Übergewicht hat Gründe: Die katholische Kirche ist eine Weltkirche mit ungefähr 1,2 Milliarden Angehörigen, der Lutherische Weltbund (LWB) als größte konfessionelle Vereinigung innerhalb des Protestantismus vertritt ungefähr 70 Millionen Menschen. Die Beschlüsse des LWB in Genf betreffen die protestantischen Gemeinden in Deutschland weniger als die Entscheidungen des Papstes in Rom; eine Papstwahl ist ein Weltereignis, die Wahl des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ist sehr wichtig, aber doch von nationaler Bedeutung. Dann gibt es eine Reihe von Konfliktthemen in der katholischen Kirche, die es in der evangelischen nicht gibt - Weiheämter für Frauen, den Zölibat, das Verbot künstlicher Verhütungsmittel, die demokratische und synodale Verfasstheit der Kirche. Seit zehn Jahren berichten wir umfangreich über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, der ja den Kern des christlichen Selbstverständnisses erschüttert. Auch in der evangelischen Kirche gibt es zahlreiche Fälle sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige und Schutzbefohlene - sie sind aber erst in jüngster Zeit verstärkt in den Blick gerückt. mad

© SZ vom 29.09.2020

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