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SZ Werkstatt:Gibt es eine Art Zensur?

Nico Fried, Leiter der Parlamentsredaktion der SZ in Berlin, über die Genese von Artikeln und Meinungsfreiheit.

CDU-Parteitag

Nico Fried leitet die Parlamentsredaktion der SZ. Er und seine Kolleginnen begleiten Bundespolitiker jeder Couleur, sie berichten und ordnen politische Ereignisse und Vorhaben für die Leserinnen und Leser ein.

(Foto: Süddeutsche Zeitung)

Gibt es eine Art Zensur? Muss ein Artikel von einem Leiter genehmigt werden?

Svetlana Dietz

Über den Artikeln in der SZ stehen in der Regel die Namen der Autorinnen und Autoren. Aber an jedem Artikel haben noch andere Menschen mitgewirkt: die Kollegen, die ihn auf korrekte Fakten, plausible Argumente, sprachliche Verständlichkeit und orthografische Richtigkeit geprüft haben. Das war's. Eine Zensur findet nicht statt. Dieser eindeutige Satz, der im Artikel 5 des Grundgesetzes das Verhältnis von Staat und Medien mitbeschreibt, gilt auch für die Süddeutsche Zeitung.

Das beginnt schon damit, dass Redaktion und Verlag getrennt sind. Wer auch immer die Zeitung beziehungsweise den Süddeutschen Verlag besitzt, kann keinen Einfluss darauf nehmen, welche Artikel erscheinen, und erst recht nicht, welche Meinungen vertreten werden.

In der Redaktion gilt: Jede Meinung ist zulässig, sofern sie nicht gegen gemeinsame Grundwerte der Gesellschaft verstößt oder antidemokratisch, rassistisch oder antisemitisch ist. Darauf achten die verantwortlichen Redakteure - und wenn doch mal etwas durchrutscht, was Leserinnen und Leser als anstößig empfinden, muss die Chefredaktion Stellung beziehen. Wenn man sie gut begründen kann, ist also prinzipiell jede Meinung willkommen. Und wenn es dazu sogar noch eine Gegenmeinung gibt, ist das geradezu der Idealfall. Immer öfter druckt die Süddeutsche Zeitung deshalb zu Themen ein Pro & Contra auf ihrer Meinungsseite.

Eine Blattlinie gibt es nicht. Jede Autorin und jeder Autor steht mit den Artikeln nur für die eigene Position ein, nicht für eine generelle Haltung der SZ. Pluralität ist erwünscht. Der Volontär kann der Chefredakteurin widersprechen, es entsteht ihm daraus kein Schaden. Die Zeitung will ihren Leserinnen und Lesern auch nicht vorschreiben, was sie denken sollen, sondern Argumente anbieten, über die nachzudenken sich lohnt.

Natürlich wird in der Redaktion über Meinungen auch gestritten. In den Ressorts etwa, wenn eine Kollegin oder ein Kollege die Idee für einen Kommentar präsentiert. Oder in Konferenzen, wenn es darum geht, welche Themen in der nächsten Ausgabe der SZ Platz finden sollen. Und nicht selten auch am Tag danach, wenn eine Meinung gedruckt oder im Digitalen verbreitet wurde. Diese Diskussionen sind für die Zeitung hilfreich, weil häufig gleich die nächsten Ideen für Kommentare daraus entstehen. Aber niemand schreibt Autoren eine Meinung vor, auch nicht beim Redigieren. Im Gegenteil: Der beste Redakteur eines Kommentars ist, wer den Argumenten zu noch mehr sprachlicher Präzision und argumentativer Schärfe verhilft - selbst dann, wenn er völlig anderer Meinung ist. nif

© SZ vom 23.10.2020

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