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SZ-Werkstatt:Expertentum

Christina Berndt

Christina Berndt tritt häufig selbst als Expertin auf – zuletzt rund um die Themen Viren, Corona oder Resilienz. Die promovierte Immunologin schreibt meist über Medizin und Psychologie.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt erklärt, warum und nach welchen Kriterien Journalisten Fachleute auswählen, die in Artikeln zu Wort kommen - und warum der Begriff des Expertentums je nach Situation immer relativ ist.

250 Expertenstimmen zum Thema Corona wurden mir neulich in einem Leserbrief angeboten - verbunden mit dem Vorwurf, ich würde mich in meiner Berichterstattung zu sehr auf eine Auswahl von Experten beschränken. "Meine Experten" hielten Sars-CoV-2 alle für gefährlich. Dabei gebe es Fachleute mit ganz anderen Positionen, und als Zeitung sei die SZ verpflichtet, alle diese Meinungen gleichwertig abzubilden. Für mich war die Auseinandersetzung mit der Leserin Anlass für einen Artikel auf der Medienseite dieser Ausgabe. Es ist ein Stück dazu geworden, wie Medien Gesprächspartner auswählen und mit welchem Selbstverständnis sie dabei vorgehen.

Die Lesermail gab aber auch den Anstoß, meine eigene Vorgehensweise wieder einmal zu prüfen; darüber nachzudenken, wen ich wann anrufe und nach seiner Einschätzung frage. Was ist meine Motivation? Ich persönlich habe den Anspruch, für Artikel jene Fachleute zu finden, die führende Forscher auf einem Gebiet sind. Wenn ich über Luftströme in Flugzeugen schreibe, reicht mir kein Ingenieur und auch kein Klimaanlagenexperte, ich möchte dazu mit einem Strömungsfachmann für Flugzeugkabinen sprechen, weil bei ihm die Wissenstiefe größer ist. Manchmal muss es in unserem Beruf sehr schnell gehen, dann ist die Psychiaterin, deren Handynummer ich habe, für den Moment wohl die bessere Ansprechpartnerin als die Fachexpertin, die ich nicht mehr rechtzeitig erreiche. Das aber sollte die Ausnahme sein.

Zum Experten wird man schnell, nicht nur in diesen hitzigen Corona-Tagen. Im Freundeskreis wird gefragt, wer sich schon mal mit einer Fragestellung beschäftigt hat oder beruflich nah am Problem dran ist. In der Redaktion gilt oft schon als Experte, wer einige Artikel zu einem Thema geschrieben hat. Für eine gute Recherche aber fragt man als Journalistin eben nicht Freunde und Kollegen, sondern Menschen, die ein Thema grundlegend erforscht, bearbeitet, durchdrungen haben. Wer Experte ist, ist immer relativ. Für eine Zeitung mit Anspruch aber muss schon eine gehörige Schwelle übersprungen werden.

© SZ vom 20.06.2020

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