SZ-Werkstatt Eine echte Fundgrube

Wie kommt man in China, wo alles staatlicherseits kontrolliert wird, Korruptionsfällen auf die Schliche? Ganz einfach, via Internet. Christoph Giesen, China-Korrespondent der SZ, beschreibt hier, was man dort so alles finden kann.

Von Christoph Giesen

Journalisten, die in China recherchieren, brauchen eine hohe Frustrationstoleranz. "Schicken Sie bitte ein Fax", heißt es oft von Behörden und Unternehmen gleichermaßen. Antwort bekommt man gewöhnlich nie. Es gibt aber Transparenzausnahmen, und zwar im Internet.

Viele Datenbanken in China liefern erstaunliche Informationen, die man in Deutschland nur schwer bekommt. Das chinesische Firmenregister war lange Zeit sehr ergiebig. Bis die New York Times vor sechs Jahren über das Milliardenvermögen der Familie des Premierministers berichtete - die meisten Belege ließen sich im Netz finden. Vorbei. Heute muss man eine chinesische Anwaltszulassung haben, um diese Unterlagen einzusehen.

Weiterhin zugänglich und eine echte Fundgrube sind die Gerichtsdatenbanken. Sucht man dort nach der Firma Siemens, die auf Chinesisch den schönen Namen "Ximensi" (Tor zum Westen) trägt, stößt man aktuell auf mehr als 40 Strafurteile, es geht um Bestechung beim Verkauf von Medizintechnik. Klinikleiter haben über Jahre Schmiergeld angenommen - bezahlt von Zwischenhändlern, die mit Siemens zusammengearbeitet haben. Der Trick: Die Krankenhausmanager fingierten die Ausschreibungen und zahlten den Händlern deutlich mehr, als sie mussten. Das Geld floss zurück als Kickback. Siemens gibt an, davon nichts gewusst zu haben. Eine weitere Datenbank hätte hier womöglich helfen können: Auf chinabidding.com werden alle staatlichen Ausschreibungen für mehr als eine Million Yuan (125 000 Euro) eingestellt. Man erfährt die Namen der Kliniken, wer die Zwischenhändler sind und manchmal sogar den Preis für das überteuerte Angebot. Dann hätte man einschreiten können.