SZ-Werkstatt Der Ehrgeiz junger Chinesen ist beneidenswert

(Foto: Stefanie Preuin)

SZ-Korrespondentin Lea Deuber über chinesischen Fleiß, Kunst und Verstand, und die Neigung der westlichen Welt, dies herabzuwürdigen. Manchmal sei da Angst im Spiel, Angst vor dem dynamischsten Land der Welt.

Vor etwas mehr als zehn Jahren habe ich ein Austauschjahr in China absolviert. An meinem ersten Tag in der 11. Klasse einer Pekinger Mittelschule setzte mich meine Lehrerin neben einen Jungen namens Wei. Brillant in Mathe, exzellent in Physik. Sie verband damit die Hoffnung, dass ich ihm bei Englisch helfen würde. Das einzige Fach, das ihm schwerfiel. Wei war wie ich 16 Jahre alt, schlaksig, regelrecht ausgemergelt. Jeden Morgen nahm er den Bus zur Schule. Die begann um 7 Uhr. Dafür musste er um 5 Uhr aus dem Haus. Abends saß er bis nach Mitternacht über den Hausaufgaben. In der Schule musste er in den letzten Stunden stehen, weil er sonst einschlief.

Im Ausland werfen viele chinesischen Schülern wie Wei unbändigen Ehrgeiz vor. Sie säßen nur am Schreibtisch. Wer es aus einem Dorf an eine Spitzenuni an der US-Ostküste schafft, könne eben gut auswendig lernen. Selbst talentierten Nachwuchsmusikern wird abgesprochen, Künstler zu sein. Sie würden einfach viel üben. Überhaupt, ein Land mit so einem Bildungssystem könne nie innovativ sein. Ist doch alles nur geklaut.

Ich finde das Wahnsinn. Im Kontext von China wird Fleiß zu einem Makel. Exzellenz wird zu einem Erfolg von menschlichen Maschinen, nicht von hart arbeitenden Individuen. Das chinesische Bildungssystem ist alles andere als vorbildlich. Ich weiß das. Ich habe ein Jahr lang zehn Stunden am Tisch sitzen müssen, ohne einen Piep machen zu dürfen. Trotzdem ist diese Sicht zu einfach. Wir werten das System ab, weil es uns Angst macht.

Der wirtschaftliche Erfolg des Landes ist zum großen Teil die Leistung von Menschen, die daran glauben, dass sie ihr Leben verbessern können. Wenn wir davor die Augen verschließen, werden wir nie verstehen, was in China passiert.

Mein Freund Wei hat mich beneidet, wenn ich von Schultagen in Deutschland erzählte, die mittags endeten. Dass ich jeden Tag Fußball spielen durfte, statt an die nächste Prüfung denken zu müssen. Er hat nicht geklagt, sondern noch härter gearbeitet. Mich konsterniert der Ehrgeiz junger Chinesen nicht. Ich finde ihn bewundernswert.