SZ-Werkstatt Auf Straußens Spuren

Annette Ramelsberger übers Schuleschwänzen für den Aschermittwoch und besondere Sprechübungen am alten Stehpult des CSU-Granden.

Von Annette Ramelsberger

Verfolgt man ihn nur im Fernsehen oder im Radio, dann hat der politische Aschermittwoch etwas Abschreckendes: laut, platt, derb, holzschnittartig, jedes Jahr das gleiche Schauspiel. Eine Beleidigung für den Intellekt, eine Zumutung für den Geschmack. Blickt man allerdings genauer hin, erkennt man in diesem nun seit 100 Jahren gepflegten bayerischen Spektakel auch ganz andere Seiten: die Lust des Publikums an der direkten Sprache, die Freude an der gelungenen Formulierung. Aber auch die Angst des Politikers, einen Saal von 4000, 5000 Menschen nicht in den Griff zu bekommen und hilflos anzureden gegen eine schwatzende, Bier trinkende Menge.

Annette Ramelsberger ist in Vilshofen geboren und in Passau zur Schule gegangen – ideale Voraussetzungen, um über den Aschermittwoch zu schreiben. Als Gerichtsreporterin der SZ kennt sie sich zudem mit Schlitzohren aller Art aus.

(Foto: oh)

Das, was jedes Jahr in Passau und Vilshofen vor Tausenden Zuschauern und Dutzenden Kameras zelebriert wird, ist Kampfsport - weniger politisch, mehr rhetorisch. Der Kampf des Redners um die Masse. Der CSU-Mann Erwin Huber nennt den Auftritt am Aschermittwoch gar die "olympische Disziplin".

Das große Vorbild all dieser Redner ist bis heute Franz Josef Strauß. Er prägte den Aschermittwoch über 35 Jahre, bis zu seinem Tod 1988. Wer wie ich in Vilshofen geboren wurde, ist mit Strauß aufgewachsen: ein Mann, der im Wortsinn vom Himmel kam und huldvoll sein Volk besuchte - er landete seine Cessna ja eigenhändig auf dem Flugplatz neben der Donau. In den Siebzigerjahren pilgerten in Vilshofen manchmal ganze Schulklassen zu seinen Kundgebungen - mit ihren Lehrern. Das galt noch als politische Bildung.

Später in Passau waren die Lehrer nicht mehr so ergeben. Wer als Schülerin zu Strauß ging und das als angewandten Geschichtsunterricht deklarierte, kam damit nicht durch. Auch meine Klassenkameradinnen und ich bogen lieber zur Nibelungenhalle ab, obwohl wir - wie es sich damals für aufrechte Jugendliche gehörte - gegen Strauß pfiffen. Es gab dann Verweise, aber bereut haben wir die Abstecher nie.