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SZ-Werkstatt:Auf den Spuren der Corona-Abzocker

Investigativ-Reporter Jörg Schmitt über ungewöhnliche Recherchen in der Pandemie und dem journalistischen Dauerauftrag, der Verwendung von Steuergeldern nachzuspüren.

Portait Jörg Schmitt

Jörg Schmitt, deckt seit mehr als zwanzig Jahren mit journalistischen Mitteln Missstände auf - in Wirtschaft, Politik und Sport. Seit Mai verstärkt er das Investigativ-Ressort der SZ.

(Foto: OH)

Dass eine Recherche ihren Anfang im privaten Umfeld nimmt, ist mir in den letzten 25 Jahren eher selten vorgekommen. Da war der Anruf eines Bekannten Ende April. Ich nenne ihn mal S.. Er habe als Selbständiger die maximale Soforthilfe-Summe vom Staat überwiesen bekommen, keine 48 Stunden nach dem Antrag. S. war, wie ich ihn kenne, sicher einer der Ersten, die Corona-Soforthilfe beantragt haben. Nun weiß ich aber, dass die Auftragsbücher von S. gut gefüllt sind. S. ist normalerweise ein sozialer Mensch. Aber wo es etwas abzugreifen gibt, findet die Solidarität mit denen, die Hilfe dringender brauchen, eben ein jähes Ende.

Was im Kleinen gilt, gilt im Großen erst recht. Wo so leicht an Staatsgeld zu kommen ist, lockt das nicht nur Abzocker an - auch Betrüger. Es ist unser Job als Journalisten, solchen Missständen nachzugehen, und die Leser, die alle auch Steuerbürger sind, darüber aufzuklären, was in Zeiten der Pandemie mit ihrem Geld geschieht. Erst recht, wenn es in dunklen Kanälen versickert. Ein Team von Rechercheuren aus Wirtschafts- und Investigativredaktion ist seit ein paar Wochen dabei, der Spur unseres Steuergeldes zu folgen. Und zwar dorthin, wohin es nicht fließen soll. Zu Konzernen, die jetzt nach dem Staat rufen, obwohl sie denselben jahrelang bei der Steuer ausgetrickst haben, siehe Panama- und Paradise-Papers. Zu Kriminellen, die Geld für die Firma auf eigene Konten umleiten. Die Dutzende Anträge über eine Mail-Adresse einreichen und mit gefälschten Daten Steuermittel abgreifen. Dazu sprechen wir mit Fachleuten, stellen Dutzende Anfragen an Ministerien, Behörden und Banken. In Corona-Zeiten ist all das nicht so einfach zu recherchieren. Den Staatsanwalt, den Fahnder, den Informanten aus Unternehmen, Amtsstuben, alle jene, die man sonst an einem ruhigen Ort zu vertraulichen Gesprächen trifft, kann man derzeit meist nur am Telefon erreichen.

Die richtigen Informationen zu erhalten, sie einschätzen zu können, ist so allemal schwieriger als bei einem persönlichen Kontakt. Trotzdem bleiben wir weiter dran - an unseren Corona-Recherchen und Ihrem Steuergeld.

© SZ vom 16.05.2020

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