77 Jahre SZ:Wie die Homepage entsteht

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77 Jahre SZ: Die erste Webseite der "Süddeutschen Zeitung" ging 1995 unter dem Namen "SZonNet" online. Seitdem hat sich einiges getan.

Die erste Webseite der "Süddeutschen Zeitung" ging 1995 unter dem Namen "SZonNet" online. Seitdem hat sich einiges getan.

(Foto: Getty Images/iStockphoto/Bearbeitung: SZ)

Für viele Nutzer ist die Startseite das tägliche Gesicht der SZ - aber wie kommen die Nachrichten eigentlich aufs Handy und in den Rechner?

Von Gunnar Herrmann

Regelmäßige Nutzer unserer Handy-App kennen es, das sanfte Vibrieren, bei extrovertierten Menschen oft begleitet von einem Klingeln oder einem Akkord: Eine Eilmeldung der SZ ist da. Ja, wir Redakteure am Newsdesk wissen, dass manche Menschen solche Pushnachrichten zuweilen nervig finden. Aber wir wissen auch, dass sehr viele unserer Nutzer sie angeschaltet haben, weil sie per Handy gerne auf dem Laufenden bleiben und nichts verpassen wollen.

Die wenigsten Nutzer aber wissen vermutlich genau, was eigentlich passiert, bevor eine Eilmeldung auf dem Telefon aufploppt, sagen wir mal, morgens um sieben, wenn sie gerade aufstehen. Während den meisten Lesern in etwa klar ist, wie eine gedruckte Zeitung entsteht, sind die digitalen Produkte der SZ für viele noch eine Blackbox - also etwas, das irgendwie funktioniert, über dessen Funktionsweise man aber nie so richtig nachgedacht hat (weil man natürlich auch ganz gut durchs Leben kommt, ohne sich mit diesem Wissen zu belasten).

Dabei ist die Frage ganz spannend. Und die Antwort erzählt auch viel darüber, wie sich der Berufsalltag für SZ-Journalisten in den vergangenen Jahren verändert hat. Wie also kommt die Meldung ins Internet? Wer entscheidet eigentlich über Inhalt und Zeitpunkt?

Während die Nutzer schon klicken, wird der Text meist noch weiter bearbeitet

Das Beispiel vom Anfang ist rasch erklärt. Wenn Sie morgens zum Frühstück eine Eilmeldung erhalten, hat wenige Augenblicke vorher eine Homepagechefin oder ein Homepagechef, zum Beispiel der Autor dieses Textes, im Redaktionssystem auf ein Knöpfchen geklickt. Ich mache das ganz gerne, wann sonst kann man schon mit einem Zeigefingerzucken Zehntausende Handys zum Klingeln bringen?

Der Homepagechef - zu diesem Job später mehr - ist natürlich in solchen Lagen nicht allein mit seinem Zeigefinger. Modernes Nachrichtengeschäft ist Kopf- und Teamarbeit: Der Inhalt der Meldung ist zuvor von einer Nachrichtenagentur oder einem Korrespondenten den Redakteuren am Newsdesk mitgeteilt worden. Gemeinsam mit dem Homepagechef bewerten sie, wie wichtig die Meldung ist, suchen weitere Quellen zur Bestätigung, diskutieren über die genaue Formulierung des Titels. Das dauert oft nur ein paar Minuten - es heißt nicht umsonst Eilmeldung. Und während die Nutzer auf ihren Handys schon klicken, wird der Text meistens noch mit weiteren Fakten verlängert, redigiert, bebildert. Wenn wir am Ende alles korrekt und verständlich berichtet haben, dabei vielleicht sogar schneller waren als die Konkurrenz, dann freuen wir uns über einen gelungenen Auftritt.

So ein Erfolgserlebnis um sieben Uhr morgens ist schön - auch wenn Redakteurinnen und Redakteure dafür natürlich recht früh aufstehen müssen. Ich staune in solchen Momenten manchmal, wie sehr sich unsere Arbeitsweise von jener unterscheidet, die ich vor vielen Jahren einmal als Volontär in der Nachrichtenredaktion der Zeitung gelernt habe.

Damals stellten sich Erfolgserlebnisse zuverlässig gegen 17 Uhr ein. Etwa um diese Uhrzeit wird - bis heute - die erste Ausgabe der Zeitung gedruckt. Egal, ob etwas um drei Uhr morgens oder um 15 Uhr am Nachmittag passierte, der Text dazu war damals immer um 17 Uhr geschrieben, redigiert, betitelt, bebildert. Die ganze Redaktion arbeitete auf den Andrucktermin hin, Tag für Tag, außer samstags und an Tagen vor Feiertagen, weil an Sonn- und Feiertagen ja keine gedruckte Zeitung erscheint.

Stirbt die Homepage nicht sowieso?

Heute arbeiten in der SZ an 365 Tagen im Jahr mindestens zwei, meistens drei Homepagechefinnen und -chefs in mehreren Schichten, dazu Nachrichten-, Bild-, Schlussredakteure und viele weitere Kolleginnen und Kollegen. Die Anforderungen der Homepage, die immer live ist und nicht nur um 17 Uhr aktuell sein soll, bestimmt heute den Alltag der gesamten Redaktion, von der Auslandskorrespondentin über den Lokalreporter, die Schlussredakteurin bis zur Führungskraft, die im heutigen 24-Stunden-Betrieb vor viel komplexeren organisatorischen Aufgaben steht als früher, wo oft das Leiten einer morgendlichen Konferenz ausreichte, um alles in die richtigen Bahnen zu lenken.

77 Jahre SZ: Die Homepage der SZ am 26. September 2022, dem Tag nach der Parlamentswahl in Italien.

Die Homepage der SZ am 26. September 2022, dem Tag nach der Parlamentswahl in Italien.

(Foto: Michael Artur Koenig)

Da hier immer die Rede von der Homepage ist - stirbt die nicht sowieso? Menschen, die sich mit Online-Journalismus beschäftigen, haben diese Prophezeiung in den vergangenen Jahren öfter gehört. Tatsächlich landen auch bei uns immer mehr Nutzer über soziale Medien und Suchmaschinen direkt bei einzelnen Artikeln. Trotzdem gibt es noch eine recht große Zahl von Menschen, die im Handy oder am Rechner bewusst SZ.de ansteuern, um sich auf der Homepage zu informieren. Wir sind ein bisschen stolz darauf, dass viele unserer Nutzer so treu sind und uns offenbar vertrauen.

Damit das so bleibt, haben wir uns in den vergangenen 27 Jahren - die erste Webseite der SZ ging 1995 unter dem Namen "SZonNet" online - einiges einfallen lassen. Wir haben zum Beispiel Formate wie Liveticker und Newsblogs entwickelt, um das Wichtigste aus dem täglichen Nachrichtenstrom schnell zu ordnen und abzubilden. Seit einigen Jahren befindet sich stets ein Mitglied der Nachrichtenredaktion in Portland im US-Bundesstaat Oregon und betreut die Homepage während es Nacht ist in Deutschland. Die ehemaligen Zeitungsressorts produzieren heute ihre Inhalte für Zeitfenster, die sogenannten Slots, statt alles um 17 Uhr in der Druckerei abzuliefern.

"Noch haben wir das exklusiv!"

Eine zentrale Rolle in dem ganzen Betrieb nehmen Homepagechefin oder Homepagechef ein. Während ihrer Schichten, die meist sechs bis acht pausenlose Stunden dauern, bauen sie die von den Ressorts gelieferten Artikel auf die Homepage, nehmen sie wieder runter - etwa 80 Mal verändern sie die Homepage im Lauf eines durchschnittlichen Tages. Sie verschicken Handy-Pushnachrichten, redigieren Newsletter, besprechen mit den Redakteurinnen, Redakteuren, Führungskräften, welche Ereignisse schnell gemeldet werden müssen, und welche vielleicht ein bisschen warten können oder verzichtbar sind. Sie stehen ständig in Kontakt mit der Redaktion. Mal fordert der Kulturredakteur einen Platz für die neueste Theaterkritik ("Aber mit großem Bild!"), mal will die Korrespondentin aus Berlin schnell eine Politiker-Aussage in ein Liveblog bringen ("Noch, haben wir das exklusiv!"), mal soll ein Podcast platziert werden ("Bitte lange stehen lassen, die Kollegen hatten so viel Arbeit damit!").

Homepagechefinnen und -chefs müssen da den Überblick behalten - und leider manchen Kollegen enttäuschen. Der Platz auf der Homepage ist begrenzt, sonst wäre sie unübersichtlich, die Menge an Nachrichten ist oft groß. Soll der Lokalbericht vom Bürgermeisterbesuch bei den Wiesnwirten auf die Seite oder der Trainerwechsel beim zweitklassigen Bundesligaverein? Muss die Außenministerin von der Seite "fallen", weil der Bundeswirtschaftsminister sich gerade zu einem anderen Thema geäußert hat? Soll die neuste Entwicklung im Ukraine-Krieg ganz oben stehen oder doch lieber der Kommentar zur EZB-Zinserhöhung?

Wir wollen die Nutzer auch unterhalten

Man kann es nie allen Nutzern - oder Redakteuren - recht machen. Aber im Laufe der Jahre haben wir ein paar Kriterien entwickelt, mit denen wir ganz gut zurechtkommen. Natürlich sehen wir uns Zugriffszahlen an. Wenn ein Thema viele Leser findet, darf es meist ein bisschen länger und prominenter auf der Seite stehen. Aber wichtiger ist, dass unsere Seite am Ende "typisch SZ" ist. Um das zu erreichen, sind gute Zahlen nicht genug. Unser Grundverständnis der Homepage ist: Wir sind eine Nachrichtenseite, die analytische Tiefe bietet. Wer zu uns kommt, soll zu jeder Tages- und Nachtzeit die wichtigsten Geschehnisse auf der Welt, in Deutschland, Bayern und München erfahren und sie auch erklärt bekommen. Wichtige Themen beleuchten wir ausführlicher, da folgt der Nachricht eine größere Analyse, ein einordnender Kommentar. So können wir mit frischen Inhalten Themen über viele Stunden oder gar Tage auf der Seite "halten" - es kommen ja nicht alle Nutzer zur gleichen Zeit, und es wäre schlecht, wenn jemand Wichtiges verpasst, weil er mal zwei Stunden nicht auf SZ.de mitgelesen hat.

Die Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind also die erste Aufgabe, aber nicht die einzige. Wir wollen die Nutzer auch unterhalten und ihren Alltag mit klugen Texten bereichern. Die Homepage bekommt auf diese Weise mehrere Ebenen und Geschwindigkeiten, wobei wir meistens die "großen" Themen aus Politik und Wirtschaft oben platzieren und nach unten hin eher etwas bunter werden. Wir versuchen morgens, wenn wenig Zeit ist, eher knappe Nachrichten zu liefern, während wir lange Lesestoffe gerne am Abend oder am Wochenende senden. Und natürlich wollen wir unsere Nutzer auch immer wieder überraschen, mit ungewöhnlichen Betrachtungen, packenden Reportagen oder exklusiven Recherchen.

Meistens klappt es. Und wenn nicht: kann man es in der nächsten Schicht immer besser machen. Die nächste Eilmeldung kommt bestimmt.

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