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75 Jahre SZ:So viel Wandel war nie

Die Süddeutsche Zeitung wird in diesem Jahr 75. Viel hat sich in dieser Zeit verändert - doch so viel Wandel wie heute war nie.

Vor 75 Jahren ging die Süddeutsche Zeitung an den Start - mit der Lizenz Nummer eins. Heute ist sie auch sehr digital. Immer verband sie im besten Fall das Wichtige mit dem Unterhaltsamen. Und was wäre sie ohne ihre Leserinnen und Leser?

Jahrestage. So heißt der ebenso große wie lange Roman von Uwe Johnson, dessen erster Band 1970 erschien und dessen letzter, der vierte, 1983. Im Mittelpunkt steht Gesine Cresspahl, aus der DDR geflohen, in New York mit ihrer Tochter zu Zeiten des Vietnamkriegs lebend. In 366 Kapiteln, von denen jedes für einen Tag zwischen dem 21. August 1967 und dem 20. August 1968 steht, erliest man sich, wenn man Johnsons Sprüngen folgt, auch ein gutes Dreivierteljahrhundert deutscher und anderer Geschichte am Beispiel einer Frau, einer Familie. Das beginnt mit dem Geburtsjahr von Gesines Vater 1888 und endet im Sommer 1968, als sowjetische Panzer den Prager Frühling beenden.

Jahrestage. Auch die Zeitung ist so etwas wie ein tägliches Kapitel, das Geschehen und Tatsachen festhält, aber auch Gefühle, Meinungen, Wahrnehmungen. Die Zeitung, egal ob sie gedruckt ist oder digital verbreitet wird, ist eine stetige Fortschreibung dessen, was die Welt ihrer Leserinnen und Leser ausmacht, zu jeder Stunde, zu jedem Tag. Sie gewinnt über die Jahre und Jahrzehnte eine Gemeinde. Diese Gemeinde wandelt sich dauernd, und mit ihr die Zeitung. Manche derer, die sie seit Langem lesen, messen sie daran, wie sie früher war. Andere, die neu hinzugekommen sind, haben dagegen das Gefühl, die Zeitung, zumal die gedruckte, sei zu sehr dem verhaftet, wie es früher war.

Dieselben Wahrnehmungen übrigens gibt es in der Redaktion selbst; manche Ältere wollen erhalten, was für sie das Wesen der Zeitung ist, gar der Geist (wenn es in Deutschland wirklich wichtig wird, sind die Begriffe Geist und Wesen nie weit). Andere, meistens jüngere, halten den Abschied von den alten Denkweisen, Formen und Formaten für dringend geboten. Beide haben recht, denn eine Zeitung braucht die langjährigen Leser und Leserinnen ("Ich bin seit 30 Jahren Abonnentin ...") genauso wie die neuen ("Ich lese fast nichts mehr auf Papier ..."). Wenn man selbst seit Jahrzehnten die Zeitung liest, kennt man das. Wenn man selbst seit Jahrzehnten in der Redaktion arbeitet, kennt man auch die zyklische Wiederkehr des dringenden Wunsches nach großen Reformen. Oder, in einer leichten Abwandlung eines bekannten Sinnspruchs: Die größten Kritiker der Elche werden später selber welche.

Jahrestage. 75 Jahre ist es her, dass die Süddeutsche Zeitung zum ersten Mal erschien. Am 6. Oktober 1945, einem Samstag, gab es sie für 20 Pfennig im zerstörten München zu kaufen. Es waren acht Seiten, und die Auflage betrug immerhin 357 000 Exemplare. Gedruckt wurde die SZ auf einer Maschine aus dem Jahre 1924, die im Keller des Verlagshauses der Münchner Neuesten Nachrichten in der Sendlinger Straße die Bombenangriffe überstanden hatte. In einer symbolisch gemeinten Handlung wurde für die ersten Druckplatten der Rotation ein Teil des Bleisatzes von Hitlers Buch "Mein Kampf" eingeschmolzen. Die US-Militärregierung in Bayern hatte drei Männern die Lizenz Nummer eins übertragen: dem konservativen Journalisten August Schwingenstein, dem Sozialdemokraten Edmund Goldschagg und dem Katholiken Franz Josef Schöningh. Später kamen als Anteilseigner und Gesellschafter noch der nachmalige Chefredakteur Werner Friedmann sowie der Generaldirektor des Verlags, Hans Dürrmeier, dazu. Auch in Verlag und Redaktion der SZ spiegelte sich damals wider, was die frühen Jahre der Bundesrepublik prägte: Unter denen, welche die neue demokratische Zeit formen sollten, waren Nazi-Gegner, Indifferente, Mitläufer und durchaus auch ehemalige Nazis. In dieser Hinsicht eindeutig belastet waren zum Beispiel der Lizenzträger Franz Josef Schöningh, aber auch der spätere Chefredakteur Hermann Proebst.

Die wichtigste nationale Zeitung, die wichtigste Zeitung in München

Aus den Familien der einstigen Anteilseigner ist außer der Familie Friedmann heute niemand mehr am Verlag beteiligt. Am Jahresende 2007 verkauften die Erben der früheren Gesellschafter ihre Anteile an die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), an eine Gruppe von Verlegern aus Baden-Württemberg sowie einen Verlag aus Rheinland-Pfalz. Die SWMH, zu der viele Zeitungen im Süden und Südwesten der Republik gehören, wurde als Holding geboren und ist seit Jahren dabei, eine Art Medienkonzern und möglicherweise sogar eine Firma zu werden.

In 75 Jahren jedenfalls wurde aus der SZ, dem einst zweimal wöchentlich erscheinenden Lokalblatt, die wichtigste nationale Zeitung in Deutschland (ein freundlicher Gruß nach Frankfurt). Gleichzeitig blieb sie die wichtigste Zeitung in ihrer Heimat München und Bayern. Diese Doppelrolle ist das Besondere an der SZ; wenn es gutgeht, sollen die Abonnenten und Leserinnen genauso über Manhattan wie über Giesing informiert werden. Das ist nicht einfach, zumal da es in Zeiten sinkender Anzeigenerlöse mit der Finanzierung dieses Anspruchs noch schwieriger geworden ist. Besonders deutlich wird dies in den Wochen der Corona-Krise, die für alle Zeitungsverlage auch einen weiteren, erheblichen Einbruch bei den Anzeigeneinnahmen bedeutet. Dies führt zu einer paradoxen Situation: Obwohl das Interesse der Menschen an vertrauenswürdigen Informationen in so einer Krise steigt, was sich an höheren Nutzer- und Abonnentenzahlen ablesen lässt, sinken dennoch die Einnahmen. Die Branche, auch die SZ, muss mit weniger Geld eine gestiegene Nachfrage befriedigen.

Jahrestage. Der 6. Oktober ist nicht nur für die gedruckte Zeitung ein wichtiges Datum. Am 6. Oktober 1995, also zum 50. "Geburtstag" der Zeitung, ging "SZonNet" online. Zwar gab es noch keine eigene Redaktion, aber die damals nicht sehr vielen, die das Netz, zu dieser Zeit wirklich Neuland, nicht nur beruflich nutzten, konnten Artikel aus der Zeitung abrufen und lesen. Die Anfänge der Website und der Digitalausgabe der SZ sind nun auch schon wieder, man möchte es kaum glauben, ein Vierteljahrhundert alt.

Das Smartphone als Lesewerkzeug

Der enorme Schub durch die Digitalisierung und die damit einhergehende völlige Veränderung der öffentlichen wie der privaten Kommunikation hat so richtig in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts eingesetzt. Ein Indiz dafür ist eine Tatsache, die für die Binnengeschichte des Süddeutschen Verlages (SV) bis heute eine Rolle spielt: Noch im Jahr 2007 waren Umsatz und Erlös des SV aus Anzeigengeschäft, Vertrieb und anderen Aktivitäten so hoch wie nie zuvor - und niemals danach wieder. Der Verlag war viel Geld wert, was diejenigen, die damals die Mehrheit an ihm erwarben, weniger freute als jene, die ihre Anteile verkauften.

Das Online-Geschäft war interessant, aber stand bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrzehnts ökonomisch keineswegs auch nur in der Nähe des Mittelpunkts der Aufmerksamkeit. Geld, wenn auch nicht sehr viel, machte man online damals fast ausschließlich mit Werbung; eine sogenannte Paywall oder gar eine zu bezahlende digitale Ausgabe der Zeitung gab es nicht. Dies lag durchaus auch daran, dass die Selbstverständlichkeit der Nutzung von mobilen Geräten auch als Informations- und Lesewerkzeuge erst so richtig einsetzte, als Apple 2007 sein erstes Smartphone vorstellte.

Das Lesen auf Papier ist eine jahrhundertealte Kulturtechnik. Und seit gut 150 Jahren ist die gedruckte Zeitung, finanziert durch Anzeigen und den Verkauf des Blattes, ein Teil des Alltags vieler Menschen, nicht nur, aber gerade in den sogenannten bürgerlichen Schichten. Dies ändert sich seit geraumer Zeit mehr oder weniger schnell.

Die Massenkommunikation begann mit der Erfindung des Buchdrucks. Vorher wurden Nachrichten im weitesten Sinne von Angesicht zu Angesicht oder handschriftlich ausgetauscht. Durch die Druckerpresse entstand die Möglichkeit, Texte zu vervielfältigen; was wiederum in enger Verbindung mit der Aufklärung stand, in deren Folge mehr und mehr Menschen lesen lernten. Die Rotationsmaschinen des 19. Jahrhunderts, die im Prinzip bis heute ihren Dienst tun, sorgten für eine bis dahin nicht gekannte, massenhafte Verbreitung von Druckschriften - von Zeitungen.

Wird es zum 90. Geburtstag der SZ noch selbstverständlich sein, dass Menschen auf Papier lesen?

Die nächste große Veränderung war die Einführung der später sogenannten elektronischen Medien, also zuerst des Radios und dann des Fernsehens. Diese Medien waren nicht nur schneller, sondern erreichten noch mehr Menschen. Trotz vieler Befürchtungen ("Amüsieren wir uns zu Tode?") blieben die Massenmedien Buch, Zeitung, Radio und Fernsehen komplementär, ergänzend zueinander - auch weil keines dieser Medien die jeweils anderen mit ihren Spezifika ersetzen kann.

Mit der dritten großen Kommunikationsrevolution nach dem (Buch-)Druck und den elektronischen Medien, der Digitalisierung, kann das anders werden. Das zentrale Kommunikationsgerät wird immer mehr, um es simpel auszudrücken, der Computer - egal ob als Smartphone, als internetfähiges Fernsehgerät, als Tablet, als Laptop oder als E-Book-Reader. Ja, Leute lesen noch Bücher, Zeitschriften und Zeitungen auf Papier. Ob das zum 90. Jahrestag der SZ auch noch relativ selbstverständlich sein wird, weiß man nicht. Es kann sein. Aber es könnte auch sein, dass die digitale Revolution dazu führen wird, dass erstmals Medien, oder völlig nüchtern gesagt: Datenträger, nicht mehr komplementär zueinander sein werden. Es gab mal den Song "Video killed the Radio Star". Das hat Video zwar nicht geschafft. Aber vielleicht wäre die Fortschreibung des Songs als "The Screen killed the Printing Life" für 2040 interessant.

Glücklicherweise aber ist die Zeitung nicht abhängig von ihrem äußeren Anschein, von, noch ein schönes deutsches Wort, ihrer Gestalt. Es wird sie noch lange auf Papier geben für jene, die das noch lange wollen. Und sie ist längst aber auch ins Digitale gewandert, jeden Tag tut sie das. Dieser Transformationsprozess ist nicht einfach, und manchmal hat man das Gefühl, dass er weniger für die Leser und Leserinnen so schwierig ist als vielmehr für die Redaktions- und Verlagsmenschen. Das trifft übrigens auch für die Süddeutsche zu: Niemals in den vergangenen 40 Jahren gab es so viel Veränderung, so viel grundlegenden Wandel wie gerade jetzt.

Auch wenn sich die Gestalt wandelt; wenn die Technologie den Umgang miteinander, die Kommunikation insgesamt drastisch verändert; wenn die Bedürfnisse der Leserinnen und Leser immer differenzierter werden, eines bleibt: die Idee Zeitung. Die Idee Zeitung bedeutet, dass eine Redaktion nach bestem Wissen und Gewissen versucht, die Welt so weit abzubilden, wie das möglich und nötig ist. Sie ordnet für einen bestimmten Zeitraum das Geschehen, sie kommentiert es, und sie tut das in einer Weise, die Menschen, die gerne lesen, egal auf welchem Medium, im besten Fall Erkenntnis bringt und auch noch Vergnügen schafft. Vergnügen kann dabei Freude über gut erzählte Geschichten bedeuten, Lächeln über Sprachbilder oder auch Befriedigung darüber, dass man nach der Beschäftigung mit der SZ mehr weiß als vorher. Die Süddeutsche Zeitung wollte immer die kluge Begleiterin des Alltags ihrer Leserinnen und Leser sein. Das wird sie bleiben, egal ob sie zu ihrem 90. noch so aussieht wie heute.

Jahrestage, diesmal der 75. Wer einen Text wie diesen so weit liest, der gehört, wissentlich oder nicht, zur Gemeinde, zur Gemeinde der Lesenden. Und die ist es, die eine Zeitung wie die Süddeutsche braucht, egal ob auf dem Bildschirm oder der Papierseite gelesen wird. Die Zeitung lebt durch ihre Leser, und darauf sind wir bei der Süddeutschen Zeitung stolz.

Die Süddeutsche Zeitung wird 75 Jahre alt. Hier geht es zu allen Geschichten, Videos und Einblicken rund ums Jubiläum.

© SZ vom 09.05.2020/leja
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