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Studium:Mut zur Promotion

Run auf Hochschulen

Nur ganz wenige Uni-Absolventen aus Familien ohne akademischen Hintergrund promovieren.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Hochschulabsolventen ohne akademischen Familienhintergrund leiden oft unter mangelndem Selbstbewusstsein und wagen sich deshalb nicht an eine Doktorarbeit heran. Spezielle Initiativen begleiten sie auf dem langen Weg.

Von Bärbel Brockmann

Ein Doktortitel ist in Deutschland immer noch viel wert. Er ebnet den Weg in die Wissenschaft, aber ebenso auch in Karrieren außerhalb des Hochschulbetriebs. Kein Wunder also, dass jedes Jahr viele junge Menschen nach dem Masterabschluss eine Promotion anfangen. Laut Statistischem Bundesamt haben 2019 gut 180 000 Männer und Frauen promoviert. Vordergründig spielt dabei in erster Linie die Eignung eine Rolle. Wer im Studium nur mäßige Leistungen erbracht hat und auch keine gute Note in der Masterarbeit vorweisen kann, wird es schwer haben, einen Doktorvater oder eine Doktormutter zu finden. Ansonsten sind die Voraussetzungen formal für alle gleich. Man muss ein Thema suchen, sich um die Betreuung kümmern, Fragen der Finanzierung und Versicherung und vieles mehr klären. Tatsächlich fällt aber auf, dass Studierende aus einem nicht akademischen Elternhaus deutlich seltener mit einer Promotion beginnen. Von 100 Akademikerkindern erwerben durchschnittlich zehn einen Doktortitel, von 100 Nichtakademikerkindern nur eines, heißt es im Hochschulbildungsreport 2020 des Stifterverbandes.

Magdalena Repp hat im April 2021 mit ihrer Promotion begonnen. Nach dem Bachelor in Germanistik und Linguistik an der Universität zu Köln hatte sie eigentlich Logopädin werden wollen. Doch sie merkte bald, dass sie sich für wissenschaftliches Arbeiten begeisterte, und strebt seither eine akademische Karriere an. Sie setzte den Mastertitel auf ihren Bachelorabschluss und will nun den Doktortitel erwerben. Anfangs fühlte sie sich unsicher. Wie startet man überhaupt, was sind die ersten Schritte, wen spricht man an? Die Eltern befürworteten ihre Entscheidung zwar grundsätzlich, helfen konnten sie aber nicht, weil sie selbst keine akademische Erfahrung hatten. "Ich habe oft das Gefühl, dass man als Kind von Nichtakademikern nicht versteht, dass es allen gleich geht. Vielleicht traut man sich einfach nicht, Fragen zu stellen, weil man immer denkt, man käme blöd rüber", formuliert Repp eine für sie wichtige Erkenntnis zu diesem Thema. Zudem habe sie den Eindruck, dass es Akademikerkindern nicht so gehe: "Dort wird zu Hause mehr über den Uni-Alltag gesprochen."

Die Mentoren stammen ebenfalls aus einem nicht akademischen Eltern

Über eine Kommilitonin in derselben Situation erfuhr sie von dem Verein "Erste Generation Promotion". Der Kölner Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern aus einem nicht akademischen Elternhaus auf dem Weg zum Doktor zu unterstützen. Er wurde 2013 gegründet und bietet neben persönlicher Beratung auch Workshops und Peergruppentreffen für Masterabsolventen in ganz Deutschland an. Finanziert von der Universität zu Köln organisiert er außerdem ein Mentoren-Programm. Promovierende und fortgeschrittene Masterstudierende aller Fakultäten der Uni mit einem nicht akademischen Familienhintergrund werden darin ein Jahr lang von promovierten Mentoren begleitet, die ebenfalls aus einem nicht akademischen Elternhaus kommen. Vor dem Hintergrund geteilter Erfahrungen bespricht das Mentoring-Tandem Fragen und Probleme rund um das Promovieren, den Umgang mit Fremdheitsgefühlen oder die Karriereentwicklung.

"Am Ende läuft es immer wieder auf dieses informelle Wissen hinaus, das vielen fehlt, weil sie es von zu Hause nicht mitbekommen haben. Dabei erleichtert gerade dieses den Zugang zur wissenschaftlichen Welt immens", gibt Ann-Kristin Kolwes ihre Beobachtungen wieder. Sie ist 2014 selbst als Promovierende zu dem Verein gestoßen, hat mittlerweile ihren Doktor und organisiert auch das Mentoring-Programm. Dabei arbeitet sie ehrenamtlich, wie alle ihre Mitstreiterinnen. "Viele Leute, die zu uns kommen, wollen sich mit der Promotion einen Traum erfüllen, aber sie sind unsicher, ob sie das auch gestemmt bekommen", sagt Kolwes. Häufig ist auch die Finanzierung ein Problem. Gerade wer im Studium Bafög bekommen hat, hat anschließend Schulden und stellt sich die Frage, ob man nicht besser zusieht, endlich Geld zu verdienen und in die Rentenversicherung einzuzahlen, anstatt weiter mehrere Jahre von der Hand in den Mund zu leben. "Ich kenne Leute, die eine Zeit lang eine Finanzierung gesucht haben, keine fanden und dann ihr Promotionsziel aufgegeben haben", sagt Kolwes. Auch Magdalena Repp hat sich im Verein dazu beraten lassen, wie sie ihr Exposé für ein Stipendium verfassen musste. Dann hatte sie aber Glück und bekam eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Sonderforschungsprojekt.

Ein Angebot fokussiert auf Frauen aus nicht akademischem Elternhaus

Es gibt noch nicht viele Unterstützungsangebote in der deutschen Hochschullandschaft für Promovierende aus nicht akademischem Elternhaus. Das mag auch damit zusammenhängen, dass sich der Bedarf schwer ermitteln lässt. Viele Hochschulen bieten Förderungen zum Beispiel für Frauen oder Behinderte an, aber einem Kind, dessen Eltern keine Akademiker sind, sieht man das nicht an, und viele wollen das auch nicht öffentlich sagen. "Es gibt nur sehr vereinzelt Hochschul-Initiativen, die sich die herkunftssensible Nachwuchsförderung auf die Fahnen geschrieben haben", bestätigt Julia Reuter, Professorin für Soziologie am Department für Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Uni Köln. Die Universität Göttingen beispielsweise biete ein Programm namens "Brückenschlag" an, das sich speziell auch an Nachwuchswissenschaftlerinnen aus nicht akademischen Elternhäusern richte.

Reuter ist Mitherausgeberin des im vorigen Jahr erschienenen Buchs "Vom Arbeiterkind zur Professur", in dem Akademiker ihren Werdegang an die Spitze schildern. "Auffallend ist, dass diese Menschen trotz ihrer beeindruckenden Karrieren eine Unsicherheit bis jetzt mit sich getragen haben", sagt sie. Es sei gut denkbar, dass die Selbsteinschätzung und auch die Souveränität von Beginn an nicht so ausgeprägt seien wie bei Menschen mit akademisch gebildeten Eltern und dass dies auch bleibe, wenn man schon längst Karriere gemacht habe. "Unser Anliegen war, mit dem Buch eine Sensibilität an den Hochschulen herzustellen. Es ist ein erster Schritt, wenn Role Models erzählen und damit überhaupt erst einmal einen Raum schaffen, wo über solche Zweifel und Unsicherheiten gesprochen werden kann", stellt Reuter fest.

Im Verein "Erste Generation Promotion" haben mittlerweile alle Initiatorinnen von 2013 den Doktortitel erworben. Aber das Fremdheitsgefühl bleibt. "Es gibt immer mehr Menschen, die mit unserem Background promovieren. Viele fühlen sich nie hundertprozentig angekommen", resümiert Ann-Kristin Kolwes.

© SZ/ssc
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