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Digitale Klausuren:Mehr Fairness bei Online-Klausuren

IT-Expertin Jannica Budde erklärt, wie die Bundesländer an Regelungen für Online-Prüfungen tüfteln.

(Foto: CHE Gütersloh)

Bei der Rechtssicherheit von Prüfungen via PC oder Notebook sind noch viele Fragen offen. Erschwerend kommt hinzu, dass Studierende den Einsatz von Kameras ablehnen. Die Bildungsexpertin Jannica Budde beschreibt die Fallstricke.

Von Christine Demmer

Jannica Budde arbeitet als Projektmanagerin im Hochschulforum Digitalisierung beim CHE Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh und ist Expertin für Online-Prüfungen.

SZ: Trägt die Pandemie dazu bei, dass sich Online-Prüfungen etablieren und professioneller ablaufen?

Jannica Budde: Vor der Pandemie gab es Online-Klausuren nur bei Massive Open Online Courses (MOOCS) und an einigen privaten Hochschulen. An staatlichen Universitäten und Fachhochschulen war das bis zum Beginn der Pandemie die seltene Ausnahme. Es bleibt abzuwarten, ob sich Online-Klausuren langfristig etablieren.

Kann jede Hochschule frei entscheiden, in welcher Form sie prüft - online oder unter Aufsicht in der Hochschule?

Ja, natürlich im Rahmen der Regelungen der jeweiligen Bundesländer. Im Grunde entscheidet jeder Dozent selbst, welche Prüfungsform am Ende einer Vorlesung oder eines Seminars zum Einsatz kommt. Bei Online-Klausuren müssen dabei allerdings gewisse Rahmenbedingungen eingehalten werden.

Welche sind das?

Da sind zunächst der Datenschutz und die Wahrung der Privatsphäre. Was wird zum Beispiel bei kameraüberwachten Prüfungen aufgezeichnet? Studierende möchten nicht, dass Fremde Einblicke in ihre Privatsphäre gewinnen. Und was passiert danach mit den Videoaufzeichnungen? Die sollen nicht lange gespeichert werden und schon gar nicht auf Servern in den USA.

Wie hält man Studierende, die zu Hause Klausuren schreiben, von Schummeleien oder gar vom Betrug ab?

Das genau ist das Problem. Bei Prüfungen sollen alle Studierenden die gleichen Chancen haben. Das ist bei Klausuren, die reines Wissen abfragen, nur dann garantiert, wenn eine Aufsicht die Prüflinge überwacht. Und die haben wir nicht, wenn jeder bei sich zu Hause schreibt. Also kommen Kameras mit Bild- und Tonaufzeichnung ins Spiel. Aber alles, was man technisch machen kann, um Moglern keine Chance zu geben, berührt wieder den Datenschutz.

Was hat sich inzwischen in Sachen Datenschutz und Identitätskontrolle getan?

Es gibt viele individuelle Lösungen, je nach Hochschule. Manche Hochschulen verzichten beispielsweise auf automatisierte Fernüberwachung, das sogenannte Online-Proctoring, und nutzen für die Klausur-Aufsicht einfache Videokonferenzsysteme mit mehreren Aufsichtspersonen. Bei anderen Prüfungen gibt es nur eine kurze Identitätskontrolle am Anfang, und dann bleibt die Kamera erst einmal aus. Viele Hochschulen verzichten komplett auf Videoüberwachung. Inzwischen haben die meisten, wenn nicht sogar alle Hochschulen Regelwerke, wie Onlineprüfungen ablaufen können. Das zeigt, dass das Thema den Hochschulen auf den Nägeln brennt. Flankierend sind die Bundesländer dabei, rechtssichere Vorschriften für Online-Prüfungen zu entwickeln.

Was halten die Studierenden von Online-Prüfungen?

Das ist unterschiedlich. Viele finden es gut, dass sie in Pandemie-Zeiten nicht in die Hochschule gehen und dort Präsenz-Klausuren schreiben müssen. Andere kritisieren die kameraüberwachte Online-Prüfung. Sie missbilligen das als Eingriff in ihre Privatsphäre.

Was schlagen die Fachschaften an den Hochschulen, also die Studierenden selbst, vor?

Sie verlangen unter anderem von den Hochschulen, auf Videoüberwachungen zu verzichten. Sie fordern die Hochschulen auf, Prüfungen so anzubieten, dass Aufgaben unter Hinzuziehung von Hilfsmitteln selbständig gelöst werden können. Was ja auch bereits viele Hochschulen machen. In diesen sogenannten Open-Book-Klausuren wird nicht auswendig Gelerntes abgefragt, sondern die Lösungskompetenz der Studierenden überprüft. Das war übrigens auch ein Ziel der Bologna-Reform.

© SZ/ssc/mai
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