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Studienstart:Hungrig auf das echte Uni-Leben

Fernsehstudio der RWTH Aachen

Aufzeichnung einer Online-Vorlesung. Manche Studierende kennen bislang nur diese Art der Lehre.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Fast nur Online-Veranstaltungen und keine Partys: Drei Studierende lassen ihr erstes Semester unter Krisenbedingungen Revue passieren.

Von Christiane Bertelsmann

Manche Studierende haben wegen der Corona-Krise ihre Hochschule noch nie von innen gesehen. Und so wie es derzeit aussieht, wird sich die digitale Lehre fortsetzen. Wie es den Studentinnen und Studenten dabei geht, zeigt eine Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) in Hannover und der AG Hochschulforschung der Universität Konstanz. Hierbei wurden im Sommersemester 2020 insgesamt 28 600 Studierende an 23 Hochschulen zum "Studieren zu Zeiten der Corona-Pandemie" befragt. Das Ergebnis: Die meisten empfanden ihre Lernsituation im Sommersemester 2020 als deutlich schlechter verglichen mit den Semestern zuvor; 69 Prozent der Befragten fühlten sich stark oder sehr stark gestresst. Besonders schwierig ist die Situation für diejenigen, die noch keine Hochschul-Erfahrung haben: Drei Studierende, die im vergangenen Wintersemester mit dem Studium begonnen haben, berichten, wie es ihnen in ihrem ersten Semester unter Pandemie-Bedingungen ergangen ist.

"Vieles geht verloren, wenn man sich so wenig sieht"

Jule Schürmann engagiert sich im Studierendenrat.

(Foto: Ingeborg Lehmann)

Jule Schürmann, 20, studiert Liberal Arts and Sciences (Bachelor) am University College der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg:

"Mein sozialer Mittelpunkt ist schon seit Monaten unsere Wohngemeinschaft. Ich wohne in einem katholischen Studierendenwohnheim in Freiburg. Wir sind insgesamt 19 Leute. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so immer in Kontakt mit Leuten bin, für die familiäre Atmosphäre, die wir in der WG haben.

Eigentlich war nur meine erste Studienwoche so halbwegs normal. Wir konnten eine Einführungsveranstaltung in der großen Aula machen - mit etwa 40 Leuten in einem Raum, in den sonst mehrere Hundert reinpassen. Die Erstsemester wurden von der Uni-Leitung priorisiert behandelt, das heißt, wir hatten in der ersten Woche so viele Veranstaltungen in Präsenz an der Uni wie möglich. Auch außerhalb der Uni ging noch einiges, ich war sogar einmal mit ein paar Kommilitonen in einer Bar - zwar nur bis 22 Uhr, dann war Sperrstunde, aber immerhin.

Aber da die Inzidenzzahlen in Freiburg bald wieder sehr hoch gingen, mussten wir auf Online-Unterricht ausweichen. Das ist schon sehr viel anstrengender als die Veranstaltungen in Präsenz. Das Zuhören fällt schwerer, wenn man nur auf einen Bildschirm schaut, und die Aufmerksamkeit lässt schneller nach. Da bin ich froh, dass ich in Freiburg lebe, wo die Natur schön ist und ich zum Ausgleich oft mit jemandem aus meiner WG rausgehen oder auch allein spazieren gehen kann.

Mein Studiengang ist stark interdisziplinär angelegt. Wir haben viele internationale Studierende, von denen einige zunächst in ihren Herkunftsländern geblieben sind. Für die ist es natürlich doppelt schwierig, an den Online-Kursen teilzunehmen, auch wegen der Zeitverschiebung. Ich weiß von einem Studierenden, der in China lebt und seinen Deutschkurs um ein Uhr nachts seiner Zeit machen musste.

Klar, vieles geht verloren, wenn man sich so wenig sieht. Dennoch versucht die Uni zu helfen, wo es geht. Ich bin in der Fachschaft im Studierendenrat engagiert, wir machen immer wieder Umfragen zur mentalen Gesundheit der Studierenden und organisieren Online-Veranstaltungen. Worunter die meisten leiden, sind das ständige Zu-Hause-Sein und die vielen Stunden am Bildschirm. Kommilitonen, die Hilfe brauchen, können sich bei Vertrauensdozenten melden, die bieten Gespräche oder oft auch Beratungs-Spaziergänge an. Und wir haben ein Buddy-System, bei dem ältere Studierende den jüngeren helfen.

Ich freue mich jetzt schon auf die Gesellschaft der anderen Studierenden. Unser Studiengang ist sehr klein, wir sind eine starke Gemeinschaft. Ich habe das Gefühl, dass unsere Bindungen sogar noch stärker geworden sind."

"Die Motivation sinkt, wenn man immer am selben Platz sitzt"

Marius Neinert vermisst das Zwischenmenschliche.

(Foto: Privat)

Marius Neinert, 19, studiert International Business Law (Bachelor) an der Hochschule Schmalkalden - University of Applied Sciences:

"Ich bin froh, dass ich mich für ein Studium an einer kleinen Hochschule entschieden habe. Ich weiß von vielen Freunden, die an großen Unis studieren, dass das Online-Lernen da viel schwieriger ist. Wenn ich mir vorstelle, ich würde mit 400 Leuten in einer Zoom-Vorlesung sitzen, nach 90 Minuten sind die Kamera und der Ton aus, und man sitzt wieder alleine da, das wäre nichts für mich.

Wir sind nur 18 Leute in meinem Studiengang, und der Kontakt zu den Dozenten ist sehr gut. Man kann ihnen mailen, sie antworten schnell, und nach den Vorlesungen sind sie noch länger da und offen für Fragen. Dennoch - online zu studieren ist anstrengend. Die Motivation lässt nach, wenn man immer am selben Platz sitzt und sich höchsten mal in der Pause einen Kaffee kocht oder ein Müsli macht. Die Kontakte fehlen, das Zwischenmenschliche.

Ich würde gerne den Campus-Betrieb mal richtig erleben. Das Studentenleben haben wir kaum mitgekriegt. Dass Kennenlern-Veranstaltungen angeboten werden und wie diese ablaufen, weiß ich nur aus Erzählungen. Auch so etwas wie Erstsemesterpartys gab es bei uns natürlich nicht.

Dabei hatte ich ja noch Glück: Mein Studium ging fast normal los. Ich habe persönliche Kontakte zu meinen Dozenten, zu den Kommilitonen - ein Luxus. Und wir haben sogar in den ersten Wochen, als das noch ging, ein Glas Wein zusammen getrunken. Freunde an anderen Unis haben mir erzählt, dass sie noch keinen einzigen Mitstudierenden kennengelernt haben, geschweige denn die Dozenten.

Mein Abi habe ich 2020 gemacht. Mir ist schon seit der elften Klasse klar, dass ich International Business Law studieren möchte, das bringt meine beiden Interessen - das Zusammenleben in einem Rechtstaat und Wirtschaft - sehr gut zusammen. Weil mein Studium englischsprachig ist, hätte ich die Zeit zwischen Abi und Studienbeginn nutzen wollen, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Ich wollte nach London reisen oder mit einem Freund einen Monat nach Australien und dort arbeiten. Aber das ging leider nicht. Stattdessen habe ich den Sommer über gejobbt - immerhin das war möglich.

Jetzt hoffe ich, dass sich die Lage bis zu meinem Auslandspraktikum entspannt hat. Das ist im sechsten Semester. Aber bis dahin ist ja noch etwas Puffer."

"Ich hoffe, dass wir bald ohne Masken tanzen können"

Stella Byres tanzte oft allein, vor ihrem Notebook.

(Foto: Privat)

Stella Byres, 17, Studium Tanz (Bachelor) an der Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden:

"Mein Semesterstart lief zunächst trotz Corona gar nicht schlecht. Von September bis zum Lockdown hatten wir Tanzschülerinnen Unterricht in kleinen Gruppen in den Tanzstudios, es fühlte sich alles ziemlich normal an. Wir sind eine sehr internationale Gruppe in unserem Bachelor-Studiengang, unter anderen mit Studierenden aus Italien, Japan, Korea; insgesamt sind wir 16. Ich selbst komme aus Auckland in Neuseeland und bin im Sommer 2020 nach Dresden gezogen, weil ich dort an der Palucca-Hochschule für Tanz studiere. Ich tanze, seit ich drei Jahre alt bin. Erst klassisches Ballett, dann Modern Dance, zeitgenössischen Tanz und Jazz.

Als im Dezember der Lockdown kam, reisten alle aus meinem Kurs nach Hause. Ich blieb im Internat in Dresden, auch über Weihnachten. Das hatte ich zusammen mit meiner Familie so entschieden. Wenn ich nach Neuseeland zurückgeflogen wäre, hätte ich erst mal zwei Wochen Quarantäne machen müssen. Und wir wussten ja nicht, wie lange der Lockdown dauern würde. Im Nachhinein gesehen war das genau die richtige Entscheidung. Denn weil ich im Internat direkt auf dem Campusgelände wohne, hatte ich Zugang zu den Studios. Der Unterricht wurde ja online fortgesetzt, und die Schülerinnen konnten per Zoom teilnehmen. Während die anderen zu Hause trainierten, konnte ich mein Notebook in einen der Tanzsäle mitnehmen und dort tanzen, ganz allein. Das war ein Riesenglück. Die anderen mussten in einem winzigen Raum, in ihren Wohnzimmern oder wo auch immer sie waren, trainieren.

Ich hatte mich schon im Herbst mit einer Studentin aus Australien angefreundet, die ein paar Kurse über mir studiert. Sie ist auch während des Lockdowns in Dresden geblieben. Trotzdem musste ich manchmal ganz schön mit mir kämpfen, um gute Laune zu behalten und den Mut nicht zu verlieren. Am meisten fehlt mir meine Familie - und, dass ich nicht reisen kann.

Ich bin froh, dass wir langsam wieder zum Präsenz-Unterricht zurückkommen. Der persönliche Kontakt zu unseren Lehrern ist sehr wichtig, den kann kein noch so gut gemachter Online-Unterricht ersetzen. Wir haben jetzt wieder Präsenz-Unterricht in kleinen Klassen. Vor jedem Unterricht machen wir Corona-Schnelltests, wir achten darauf, die Abstände einzuhalten und tragen beim Tanzen Masken. Inzwischen sind fast alle meine Mitstudierenden wieder zurück.

Ich hoffe, dass wir bald ohne Masken tanzen können. Vor allem, weil bald ein Kurs beginnt, in dem wir vor allem Pas de Deux und Partnering, also zu zweit, tanzen: Das geht schlecht, wenn wir Abstände einhalten müssen. Wenn ich fertig bin in drei Jahren, ist hoffentlich wieder alles gut."

© SZ/ssc/mai
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