Stiftungen:Schneller handeln als der Staat

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Stiftungen: Die St.-Jacobi-Kirche sticht aus der Hamburger Stadtmitte heraus. Eine Stifterin hatte ihr vor 260 Jahren einen ganz bestimmten Auftrag hinterlassen.

Die St.-Jacobi-Kirche sticht aus der Hamburger Stadtmitte heraus. Eine Stifterin hatte ihr vor 260 Jahren einen ganz bestimmten Auftrag hinterlassen.

(Foto: Maja Hitij/dpa)

Menschen helfen, Tiere retten, Kunst und Kultur fördern - Stiftungen gibt es zahlreiche. Und es werden immer mehr. Niedrige Zinsen und die hohe Inflation stellen sie aber auch vor große Herausforderungen.

Von Johanna Pfund

Bis in alle Ewigkeit muss sich die St.-Jacobi-Kirche in Hamburg mit Unterwäsche beschäftigen. Und zwar, weil die Bürgerin Johanna Margaretha Eding im Jahr 1762 der Kirche ihr für damalige Verhältnisse stattliches Vermögen von 850 Mark mit der Auflage stiftete, vom Ertrag des Geldes jedes Jahr zu Weihnachten ein "Hemd" für zwölf bedürftige Frauen zu kaufen, und zwar "solange die Sonne scheint und der Wind weht". Das Vermögen ist lange aufgebraucht und die Hamburger Kirche hat zwischenzeitlich versucht, sich dieser Stiftung zu entledigen, allerdings ohne Erfolg. Denn Stiftungen und ihr Zweck sind für die Ewigkeit gemacht und diesen Umstand nehmen Gerichte sehr ernst. Der Gedanke, eigenes Geld für einen bestimmten Zweck in alle Ewigkeit einzusetzen, gefällt offensichtlich auch vielen Deutschen: Die Zahl der Stiftungen wächst.

Eine Stiftungshochburg namens Darmstadt

Allein im Jahr 2021 kamen 863 Stiftungen hinzu, 24 650 sind es damit insgesamt. Dies entspricht einem Wachstum von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie die Generalsekretärin des Bundesverbands deutscher Stiftungen, Kirsten Hommelhoff, nicht ohne Stolz registriert. "Das zeigt", sagt sie, "dass Stiftungen nach wie vor einen hohen Stellenwert genießen." Übrigens vor allem in Darmstadt: Dort herrscht die höchste Stiftungsdichte in Deutschland, auf 100 000 Einwohner kommen 232 Stiftungen.

Die Zwecke sind dabei so unterschiedlich wie die Menschen, die eine Stiftung gründen. Mehr als die Hälfte haben das Gemeinwohl und den Nutzen für die Gesellschaft zum Ziel, ebenfalls beliebte Zwecke sind Bildung oder Kunst und Kultur, ebenso Wissenschaft. So widmen sich manche Stiftungen dem Betrieb von Seniorenheimen, andere der Förderung von Kindern mit Leseschwierigkeiten oder der Unterstützung für unverschuldet in Not geratene Menschen und Tiere. Das Bild ist bunt, teils ernst, teils amüsant - und erzählt wohl auch viel über die persönlichen Lebenserfahrungen der Stifterinnen und Stifter, deren Wünsche tatsächlich oft zeitlos sind.

Wie der Fall der Hamburger Stifterin Margaretha Eding zeigt, gibt es allem Wohlstand zum Trotz immer noch bedürftige Frauen, so wie vor 260 Jahren. Wohnraum für Geringverdiener stellte die Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger bereits 1521 in ihrer Sozialsiedlung, der Fuggerei, zur Verfügung. Die Siedlung erfüllt bis heute ihren Zweck und stellt 140 Wohnungen zur Verfügung. Wohnraum für Alleinstehende zu schaffen - das ist auch der Zweck einer der erst 2021 neu gegründeten Stiftungen, der Dicke-Osmers-Stiftung "Villa ganZ".

Das Konstrukt einer Stiftung greift also häufig da, wo auch der Sozialstaat helfen könnte oder sollte. Generalsekretärin Hommelhoff sieht Stiftungen dennoch nicht als Lückenbüßer, sondern in erster Linie als Ergänzung zu staatlichem Handeln: "Gerade in Kooperation mit Staat und Wirtschaft können Stiftungen systemisch etwas ändern", sagt sie. "Sie können vor allem langfristiger und schneller reagieren, als es staatliche Institutionen können." Ein solches Thema sei beispielsweise die Bildungsgerechtigkeit, wo Stiftungen den Aufbau von Ganztagsschulen fördern. Ein anderes Thema sei das Engagement zur Stärkung der Demokratie - die in den vergangenen Jahren stark unter den Einfluss von sogenannten Fake News geraten ist.

Stiftung ist nicht gleich Stiftung

Das klingt alles einfach, ist in rechtlicher Hinsicht aber schwierig - und Stiftung ist nicht gleich Stiftung, selbst wenn viele Institutionen den Begriff im Namen tragen. Es gibt etwa Stiftungen des bürgerlichen Rechts, die der Stiftungsaufsicht unterliegen. Den Status der Gemeinnützigkeit gewährt und überprüft das Finanzamt. Oder GmbHs wie die Mercator-Stiftung, die aufgrund ihrer Rechtsform nicht zwingend auf Dauer angelegt sind. Es gibt operative Stiftungen wie die Körber-Stiftung, die ihre Projekte selbst in die Hand nehmen. Als fördernde Stiftung hingegen arbeitet der Großteil der Einrichtungen, sie unterstützen Projekte oder Institutionen, die in ihrem Sinne arbeiten.

Bürgerstiftungen werden zudem oft installiert, um bestimmte Projekte zu betreiben. Die Bürgerstiftung München beispielsweise unterstützt Projekte wie Urbane Gärten oder die arabische Samstagsschule, die geflüchteten Kindern hilft, ihre Muttersprache zu lernen. Und dann gibt es noch Familienstiftungen, denen oft vorgeworfen wird, sie seien reine Steuersparmodelle. Was Verbandsgeneralsekretärin Hommelhoff so nicht gelten lassen möchte: "Eine Familienstiftung kann eine gute Nachfolgelösung für den Mittelstand sein. Das sichert das Unternehmen auf Dauer." Und eine Firma wird auf diese Weise nicht in einem Erbstreit zerfleddert.

Häufig wählen aber Stifter das Modell, für das sich auch die Hamburgerin Johanna Eding vor 260 Jahren entschieden hatte: Die Gründer statten ihre Einrichtung mit einem (im besten Falle stattlichen) Vermögen aus, mit dessen Ertrag in den nachfolgenden Jahren die Stiftung ihren Stiftungszweck erfüllen kann - "insbesondere für kleine Stiftungen eine große Herausforderung in Zeiten von Niedrigzins und Inflation", wie Hommelhoff einräumt. Sie zieht daraus zwei Schlussfolgerungen: Entweder könnten sich Stiftungen zusammentun oder die Menschen, die ihr Geld auf Dauer für einen Zweck anlegen wollen, dieses in eine bestehende Stiftung fließen lassen - damit diese weiter für die Ewigkeit arbeiten kann. Im Jahr 2021 wurden nur 79 Stiftungen aufgelöst oder zusammengelegt - was zum einen zeigt, dass viele dieser Institutionen ihren Auftrag auf Dauer ernst nehmen. Zum anderen ist die Auflösung einer Stiftung nur unter sehr strengen Voraussetzungen möglich.

Doch, was ewig währen soll, muss sich auch anpassen. Da vermisst Hommelhoff vor allem eines: eine zumindest EU-weite einheitliche rechtliche Regelung. "Die großen gesellschaftspolitischen Themen sind nicht national, wir brauchen dringen vereinfachte grenzüberschreitende Mechanismen und eine gegenseitige Anerkennung der Gemeinnützigkeit innerhalb der Europäischen Union", sagt sie. Weil es bedürftige Frauen überall gibt, und auch alleinlebende Menschen oder Kinder mit Migrationshintergrund, die Unterstützung benötigen. Und auch, weil Klima- und Nachhaltigkeitsprojekte nicht an Grenzen scheitern dürfen. Der Wind weht überall, und die Sonne scheint ebenso. Das wusste schon Stifterin Johanna Margaretha Eding im Jahr 1762.

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