Stadtmuseum Berlin:"Wir müssen Museen offener machen"

Pressefoto Paul Spies_(c) Michael Setzpfandt

Paul Spies hat Amsterdam gegen Berlin getauscht und fühlt sich in der Stadt durchaus wohl.

(Foto: Michael Setzpfandt)

Seit fünf Jahren leitet der Niederländer Paul Spies das Stadtmuseum. Er erklärt, warum er das Publikum nicht belehren will, sondern lieber mitnimmt auf eine Reise durch die Geschichte.

Von Johanna Pfund

Paul Spies ist ein gutes Beispiel für Berlins Verbindung in die Welt. Der niederländische Kunsthistoriker hat viele Jahre in seiner Heimatstadt Amsterdam gearbeitet, bevor er 2016 Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin wurde. Wenn er Zeit hat, radelt er kreuz und quer durch die Stadt, um Neues zu entdecken. Als Nicht-Berliner sieht er vieles anders als langjährige Stadtbewohner.

SZ: Sie waren in früheren Jahren nur zu Besuch in Berlin, jetzt leben sie dort. Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt?

Paul Spies: Berlin ist großartig, so vital. Ich war zweimal da, als es noch die Mauer gab, und seitdem hat sich ja viel geändert. Der Osten war früher grau. Jetzt ist Berlin teilweise geputzt, aber das Leben ist immer noch bezahlbar, anders als in Paris oder London. Auch wenn vieles neu ist, so ist Berlin doch eine sehr historische Stadt, die Geschichte ist spürbar.

Berlin hat viele im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gebäude rekonstruiert. Halten Sie das für sinnvoll?

Als Kunsthistoriker sehe ich historische Rekonstruktion kritisch, da sie nur die Nachahmung des Originals ist. Aber als Amsterdamer habe ich da leicht reden; dort gibt es ja ein historisches Zentrum. In Berlin dagegen ist alles vernichtet worden, und es ist verständlich, dass die Leute die Atmosphäre zurückhaben wollen. Die Entscheidung, den Palast der Republik abzureißen und stattdessen ein neues Gebäude mit einer rekonstruierten Fassade des Stadtschlosses zu errichten, wurde meiner Meinung nach mit zu wenig Abstand getroffen. Aber die demokratische Mehrheit hat das so entschieden. Als ich bei meiner Bewerbung 2015 das Schloss im Rohbau gesehen habe, hatte ich zwei Emotionen. Die erste war: Mein Gott, ist das megaloman. Die zweite: Schon krass, dass man das als Bundesrepublik Deutschland so entscheidet.

Sie arbeiten in diesem Bau. Mit dem Humboldt-Forum befindet sich hier einer von sechs Standorten des Stadtmuseums. Wie gehen Sie damit um?

Wir stellen die Welt in den Mittelpunkt. Vielleicht war dieser Ort schon immer einer der Unterdrückung und der Machtpolitik, hier residierten die Hohenzollern, der Kaiser, zu DDR-Zeiten stand hier der Palast der Republik. Auf der anderen Seite liegt das Haus an einem zentralen Ort, in der Mitte einer Stadt, welche die Hauptstadt des einflussreichsten Landes Europas ist. Und dieses Land widmet seinen zentralen Ort der Welt. Hier kann man mit einem Stadtmuseum wirklich Weltgeschichte erzählen.

Ist es nicht widersprüchlich, dass ein Berliner Stadtmuseum definiert, wie die Welt ist?

Nein. Ich darf aber nicht erzählen, wie oder was die Welt ist. Ich muss fragen. Insofern ist es gut, dass unser Haus Forum genannt wurde, nicht Museum. Es soll ein Ort sein, an den ich die Geschichten bringe. In Zukunft werden die Museen Moderatoren sein, keine Deuter. Es ist natürlich klar, dass wir die Geschichten in einen Kontext stellen müssen. Aber wir sind Profis, wir müssen den Kontext immer hinterfragen.

Welche Rolle hat ein Museum heute noch?

Wir müssen Museen offener machen. Wir als Museumsleute besitzen nichts, der Rest gehört der Gesellschaft, der Weltgesellschaft, also eigentlich uns allen. Das Sich-Öffnen ist aber leichter, wenn man das Gefühl hat, man wird nicht dazu gezwungen. Die Welt gehört nicht irgend jemandem, sondern uns allen zusammen. Und genau das versucht die Ausstellung - zu öffnen. Letztlich ist es eine Ausstellung gegen Populismus.

Über die ethnologische Sammlung der Staatlichen Museen ist in den vergangenen Monaten viel gestritten worden. Wie gehen Sie künftig mit dem Thema Sammeln um?

In den Gesprächen, die ich führe, spüre ich Offenheit. Wir müssen mit dem Ballast arbeiten. Und ein Museum muss seine Sammlung zeigen. Wir wollen künftig auch sammeln, aber nicht das, was wir ausgewählt haben. Der letzte Raum unserer Dauerausstellung "Berlin Global" zeigt die Objekte, die die Berliner ausgewählt haben, um ihre Verbindung zur Welt zu zeigen. Das sind persönliche Objekte, die zusammen betrachtet Geschichte schreiben.

Eine persönliche Frage: Wie erleben Sie als Niederländer das Arbeiten in Deutschland?

Also, die Budgets für Kultur sind besser als die in Holland, das ist schön und zeigt das Bildungsprinzip des Staates. Ansonsten habe ich am Anfang hier gleich alles falsch gemacht. Ich wollte die Hierarchie rausnehmen, alle duzen und die Zusammenarbeit sehr demokratisch organisieren. Da besteht ein kultureller Unterschied, der aber spannend und interessant ist. Vielleicht steckt in der neuen Ausstellung auch die Hollanditis. Die Stadt Berlin finde ich in gewisser Hinsicht schizophren. Da ist zum einen die preußische Hierarchie, zum anderen gibt es die freie Künstlerszene und die Startups. In dieser Stadt kann man scheitern, aber hoffentlich nicht diese Ausstellung.

© SZ
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