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Sprachlabor:Vom Tod

Am liebsten sprechen die Menschen vom Sterben anderer, am besten in euphemistischen Umschreibungen. Wenn es ums eigene Ableben irgendwann mal geht, dann wird man gerne ordinär, das klingt dann souveräner - oder eben nicht.

DASS VOM STERBEN kein Mensch etwas wissen will, stimmt nur zur Hälfte: Wahr ist, dass er das eigene Sterben möglichst weit von sich wegschiebt, dass er jedoch vor Neugier birst, wo es um das Sterben der anderen geht. Für beide Konstellationen aber gilt, dass man vom Sterben mit verhaltener Stimme spricht und "Freund Hein" nur ungern im eigenen Freundeskreis sieht. Muss aber vom Sterben gesprochen werden, tut man das mit Worten, die die eigenen Gefühle ebenso schonen wie die der Mitmenschen.

Dagegen ist im Prinzip wenig vorzubringen, wohl aber gegen die in den Medien geübte Unsitte, mit Euphemismen der sachlich gebotenen Wahrheit aus dem Weg zu gehen. Stellvertretend für die vielen Leser, die sich über diese Schonhaltung schon beklagten, hat nun unser Leser K. das Wort. "Muss ich befürchten", schreibt er, "dass die SZ in Fällen eines gewaltsamen Todes bald die Vokabel entschlafen verwenden wird?"

Herr K. stellt in dem Zusammenhang Fragen, die Brechts "Fragen eines lesenden Arbeiters" ähneln. Hier zwei davon. Erstens: "Schon öfter musste ich lesen, in Auschwitz seien soundsoviele Menschen gestorben. Haben sie etwa das Essen nicht vertragen?" Und zweitens: "Eine ältere Dame starb, als ein Lkw abbog. Hat sie auf einer Parkbank gesessen und den Anblick nicht ausgehalten?"

In K.s Augen gebietet der Respekt vor den Toten korrekte Formulierung statt grotesker Verharmlosung, was bedeutet, dass auch das Gegenteil zu vermeiden ist: jene Schnoddrigkeit, die sich mit den Löffel abgeben oder den Arsch zukneifen augenzwinkernd, ja schulterklopfend zu erkennen gibt. Wobei auch hier die Ausnahme die Regel bestätigt. Im "Hauptmann von Köpenick" hört Wilhelm Voigt seine innere Stimme: "Da hat se zu mir jesagt: Mensch, hat se jesagt, einmal kneift je-der 'n Arsch zu - du auch, hat se jesagt, und dann stehste vor Gott dem Vater, der alles jeweckt hat, vor dem stehste denn, un der fragt dir ins Jesichte: Schuster Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein' Leben."